"Emotions" by Marlon Roth / Roth Fotografie. Click Picture for link.
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Der Parasit

(Genre: Dark Fantasy, 4581 Wörter, 08.07.2014)

Ich schreibe diese Zeilen mit den letzten Atemzügen meines vergifteten Bewusstseins. Ich habe keine Ahnung, wie lange mir noch bleibt, bis dieses Ding, dieses Wesen, oder was auch immer es sein möge, mich vollends eingenommen hat.

 

Vor gut einer Woche bin ich, so wie ich es jeden Tag tue, mit meinem treuen Schäferhund Blacky spazieren gewesen. Das Wetter war angenehm und es sollte ein ganz gewöhnlicher Tag werden. Zu meinem eigenen Bedauern muss ich im Nachhinein feststellen, dass dieser Tag alles andere als gewöhnlich war, aber das erkannte ich in jener schicksalhaften Stunde noch nicht. Wie hätte ich auch ahnen können, was mich erwartet?

 

Blacky und ich hatten gut die Hälfte unserer täglichen Gassi-Runde hinter uns gebracht und befanden uns bereits hinter der Stadtgrenze. Dort wo die weitläufigen Felder der Bauern sich durch die hügelige Landschaft ziehen und das klare Wasser des Flusses im angrenzenden Wald verschwindet. Die Sonne stand noch recht tief am Horizont, aber schickte dennoch ihre wärmenden Strahlen übers weite Land. Der Roggen glänzte als bestünde er aus Gold, als das aufgehende Licht der Sonne ihn sanft berührte und die letzten Schatten der Nacht aufdeckte. Und aus den Tiefen des Waldes erklangen die zwitschernden Gesänge der Finken und Meisen. Doch es lag noch etwas in der Luft. Blacky nahm es als erste wahr. Ich hatte schon angefangen gehabt, mich über das seltsame Verhalten meiner treuen Gefährtin zu wundern, denn sie sah immer wieder in Richtung des Waldes und legte die Ohren an. So als würde sie sich vor etwas fürchten. Doch dann hörte ich es auch. Was genau es war, kann ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Ein Geräusch, eine Melodie, ein Pfeifen. Es war, als hätten sich die verschiedensten Tiere zusammen geschlossen und versuchten nun gemeinsam im Chor zu singen. Es klang irgendwie seltsam vertraut und doch so verzerrt und fremd.

 

Ich rief die Kleine zu mir und versuchte sie zu beruhigen, obwohl mich dieses Geräusch selbst nervös stimmte. Aber vielleicht lag in den Wäldern ein verwundetes Tier, das Hilfe benötigte und dessen Stimme nur deshalb so seltsam klang, weil es vielleicht in einer Falle steckte und sich vor Schmerzen wand? Ich kann zwar noch ein Eichhörnchen von einem Fuchs unterscheiden, aber ich weiß bei Gott nicht, wie sich jedes Tier anhört, wenn es verletzt ist.

 

Meine Neugier und meine Tierliebe überwiegten letztendlich über der Furcht vor dem Unbekannten und so betrat ich den Wald und folgte den fremden Klängen. Blacky wich mir die ganze Zeit nicht von der Seite. Sie schnupperte. Sie lauschte. Sie war ebenso nervös wie ich. „Gutes Mädchen.“ sprach ich zu ihr und klopfte ihr auf die Seite. Ihre Muskeln waren bis zum Zerbrechen angespannt. Sie erwartete wohl das Schlimmste.

 

Wir gelangten immer tiefer in den Wald, doch diese seltsamen Laute schienen kein bisschen lauter oder leise zu werden. Obwohl wir uns schon so weit voran gewagt hatten, blieb die Lautstärke absolut gleich und doch fühlte es sich so an, als würden wir uns immer weiter auf die Quelle zu bewegen. Es wurde immer seltsamer, doch den Höhepunkt dieser befremdlichen Seltsamkeiten hatten wir noch nicht erreicht. Und wenn wir schon bei den seltsamen Vorkommnissen sind: Das Tirilieren der ganzen Frühaufsteher verstummte, je weiter Blacky und ich uns in den Wald hinein wagten. Ja, selbst das Summen und Schwirren der Mücken, Fliegen und Bienen schien immer weiter abzunehmen, je weiter wir voran gingen. Doch während die Waldstimmen immer mehr verstummten und sich die Stille wie ein Tuch über dem Wald ausbreitete, blieb dieser pfeifende, pulsierende Ton. Als würde er von überall gleichzeitig kommen und wie ein Zeppelin in der Luft schweben. Im Nachhinein betrachtet, schien es, als würde der Wald mich persönlich zu sich rufen. Und ich folgte seinem Ruf.

 

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir uns so durch den Wald bewegten. Bis dato hatte ich ja nicht einmal eine Ahnung davon gehabt, wie groß er eigentlich war, wenn man sich erst einmal darin befand. Allerdings ist er auch nicht sonderlich dicht bewachsen und so kamen wir relativ zügig voran. Mein Bauchgefühl wollte mich ein paar Mal zur Umkehr drängen, doch stets blieb die Neugier Sieger über die Furcht. Vielleicht hätte ich auf meinen Instinkt vertrauen sollen, doch nun ist es zu spät, um noch irgendwas bedauern zu können.

 

Ich schob die Äste eines wildwachsenden Strauches zur Seite und betrat mit Blacky zusammen die kleine Waldlichtung, die sich dahinter verborgen hatte. Es schien alles normal zu sein, doch nur auf den ersten Blick. Beim näheren Betrachten stellte ich nämlich fest, dass es dort gebrannt haben musste. Es konnte zwar kein großes Feuer gewesen sein, aber doch musste es sehr intensiv gewesen sein. Ein nahezu perfekter Kreis verbrannter Erde war das einzige, was an dieser Stelle noch existierte. Ansonsten war da nichts. Ich trat noch näher an die vermeintliche Feuerstelle heran. Der Boden außerhalb des verbrannten Kreises war unversehrt, obwohl er genauso trocken war, wie der Rest des Waldes. Immerhin hatten wir fast Hochsommer und Regen war viel seltener geworden. Ich entdeckte einige herabgefallene Blätter, die an der Grenze des Kreises lagen und als hätte man sie präzise abgeschnitten, waren auch sie nur bis zu der Stelle verbrannt, an der der schwarze Kreis endete. Ein Feuer, dass sich selbst begrenzt? Noch seltsamer konnte es ja nicht mehr kommen.

 

Doch ich sollte mich irren.

 

Dieses pfeifende und pulsierende Geräusch hatte sich bis dato schon so sehr in meinen Geist eingebrannt, dass mein Verstand es ausblendete und als Hintergrundgeräusch abspeicherte. Und von einer Sekunde auf die andere verstummte es. Kennen sie das Gefühl, wenn sie plötzlich nichts mehr hören? Wenn es von der einen Sekunde auf die andere so still ist, dass sie das Blut in ihren Ohren rauschen hören? Genau diese Stille traf mich wie ein Vorschlaghammer. Es war, als stünde man in einem leeren Bus und dieser steht plötzlich still, während man selbst noch die Energie der Bewegung in seinem Körper gespeichert hat und gnadenlos nach vorne geschleudert wird.


Wie eine Explosion, eine Explosion der Stille. Ich fiel zuerst auf die Knie und dann auf die Seite. Es tat weh und ich krümmte mich vor Schmerzen. Verzweifelt hielt ich mir die Ohren zu, obwohl ich wusste, dass es sinnlos war. Man kann die Stille nicht einfach abschalten und weghören. Sie brannte sich in meinen Schädel und ich befürchtete schon, dass mein Gehirn jeden Moment in Flammen aufgehen würde, doch dann war es auch schon wieder vorbei und die typischen Geräuschen des Waldes kehrten zurück und erfüllten die Atmosphäre.

 

Als wäre ich betrunken gewesen und hätte einen Filmriss gehabt, erwachte ich aus wieder aus diesem Rauschzustand und öffnete die Augen. Ich war verwirrt. Die letzten Sekunden schienen so unwirklich gewesen zu sein. Hatte ich vielleicht nur geträumt? Ich stemmte meinen Körper nach oben und saß nun auf dem trockenen Erdboden. Mein Blick fiel auf Blacky, die wie ich auf der Erde lag. Ich wollte gerade zu ihr stürzen, als sie die Augen öffnete und sich benommen erhob. Schien, als würde sie sich genauso fühlen, wie ich mich fühlte. Nein, das war alles andere gewesen, nur kein Traum.

 

Ich musste ein wenig länger sitzen bleiben und die Ereignisse der letzten Minuten verarbeiten. Im Gegensatz zu mir erholte sie sich Blacky in nur wenigen Augenblicken. Sie erhob sich und trottete gemächlich auf mich zu, doch stoppte sie ihre Schritte, als sie ungefähr die Mitte des schwarzen Kreises erreicht hatte. Sie schnüffelte und begann dann in der verbrannten Erde zu graben. Schwerfällig erhob ich mich von meinem Platz und rief ihr dabei zu: „Hast Du was gefunden, Kleines?“, doch mein Mädchen gab keinen Laut zur Antwort und buddelte weiter. Ich ging weiter auf sie zu und dann sah ich es: Ein blaues Licht schien aus dem Loch zu kommen, dass meine treue Blacky frei geschaufelt hatte. Es war kein beständiges Leuchten, sondern viel mehr ein ruhiges Pulsieren. Ganz so als würde dieses Licht atmen und sich sein Brustkorb zyklisch heben und senken. Ich war wie hypnotisiert und konnte meine Blicke nicht abwenden.

 

Erst als Blacky laut aufheulte und zur Seite sprang, konnte ich mich aus meiner Starre lösen. Ich drehte mich weg von dem blauen Licht und widmete meine Aufmerksamkeit meiner geliebten Schäferhündin. Sie lag auf der Erde und verdeckte ihr Schnauze mit den Vorderpfoten. Dabei winselte sie leise vor sich hin und sah mich verängstigt an. „Alles wird gut, Kleines“ sprach ich beruhigend auf sie ein und schob behutsam ihre Pfoten zur Seite: „Lass mich mal sehen.“ Doch so sehr Ich mich auch bemühte, ich konnte nichts erkennen. Kein Kratzer und keine Wunde war zu sehen. Und auch Blacky selbst schien den Schmerz bereits vergessen zu haben, denn sie sah mir wieder treu in die Augen und freute sich schwanzwedelnd darüber, dass ich in ihrer Nähe war. Ich streichelte ihr über den Kopf und wand mich wieder dem blauen Licht zu.

 

Noch immer pulsierte es ruhig aus der verbrannten Erde heraus. Ich ließ mich auf die Knie fallen und vollendete, was meine Hündin begonnen hatte. Immer wieder grub ich meine Fingerspitzen in den feuchten Boden, der sich ein wenig wie Lehm anfühlte und schwer an meinen Handflächen klebte. Ich hatte mich bestimmt schon einen halben Meter tief in das Erdreich gewühlt, als die Quelle des Leuchtens endlich zum Vorschein kam und ich ihre schleimige, glatte Oberfläche mit meinen Fingerspitzen berührte. Es schien eine Art Pilz zu sein, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Von der Form her sah er wie ein ganz gewöhnlicher Steinpilz aus, wenn da nicht die Tatsache gewesen wäre, dass seine Ränder blau fluoreszierten. Fasziniert betrachte ich das schimmernde Gewächs, dass dort tief in der Erde wurzelte. Ich beschloss es auszugraben und mitzunehmen. Vielleicht hatte ich ja zufällig eine neue Spezies entdeckt und man würde sie nach mir benennen? Gesagt, getan. Von neuem begann ich den feuchten Boden mit bloßen Händen zu bearbeiten und schaufelte auf die Art den seltsamen Zeitgenossen frei. Ich hatte damit gerechnet auf eine größere Ansammlung dieser Pilze zu stoßen, aber es blieb bei diesem einen Fruchtkörper. Sein Schirm maß ungefähr zehn Zentimeter im Durchmesser, trotz seiner im Vergleich dazu geringen Höhe. Ich ergriff seinen Stiel und zog den blau schimmernden Gesellen aus der Erde.

 

Ein brennender und stechender Schmerz durchzog meine Fingerspitzen. Erschrocken ließ ich den Pilz fallen und als dieser den Boden berührte, erstarb das schimmernde blaue Licht, das auf seiner Oberfläche geleuchtet hatte. Ich drehte die Hand und betrachtete meine Fingerkuppen, doch konnte ich nicht erkennen, was diesen kurzen, aber intensiven Schmerz ausgelöst hatte. Das einzige, was ich sah, war das blaue Licht, das nun auf meiner Haut funkelte und rasch blasser wurde, bis es letztendlich wieder verschwunden war. Als hätte ich meine Finger in einen Eimer blauer Farbe getunkt und würde ihr nun beim Trocknen zusehen. Ich betrachtete den Pilz, der jetzt regungslos auf dem Boden lag. Es war wohl doch nur ein ganz gewöhnlicher Steinpilz gewesen. Zumindest dachte ich das damals. Ich hatte bereits vergessen, warum Blacky und ich den Wald überhaupt betreten hatte und so machten wir uns wieder auf den Weg nach Hause.

 

Die nächsten Tage waren nicht weiter von Bedeutung, denn sie zogen sich dahin, wie schon so viele Tage zuvor. Der einzige erkennbare Unterschied bestand darin, dass ich mich für eine andere Runde entschieden hatte, auf der ich mit Blacky Gassi gehen konnte. Ich redete mir ein, dass ich einfach nur mal ein wenig Abwechslung gebrauchen könnte, doch unbewusst mied ich den Wald, obwohl es keinen Grund dafür gab.

 

Ich glaube, es begann am fünften oder sechsten Tag nach den seltsamen Geschehnissen im Wald. Vielleicht war auch schon eine ganze Woche vergangen. Ich bin mir nicht sicher.

 

Es war etwas später als gewöhnlich und Blacky wartete bereits ungeduldig an der Haustür darauf, dass ich mit ihr Gassi gehen würde. Die Sonne stand schon längere Zeit am wolkenlosen Himmel und brachte die Luft wieder zum Kochen. Draußen herrschten bereits Temperaturen jenseits der 25 Grad und mir lief der Schweiß in Strömen von der Stirn. Ich schnappte mir die Hundeleine von der Kommode und band sie meiner Blacky um den Hals. Sie konnte es kaum erwarten nach draußen zu kommen und so zogen wir beide los zu unserer Runde. Mein Mädchen war an jenem Tag kaum zu halten. Sie schien so voller Energie und Tatendrang zu sein, rannte von der einen Ecke zur nächsten, schnüffelte hier, schnüffelte dort. So neugierig hatte ich sie bis dato selten erlebt. Aber es freute mich, dass sie so viel Spaß am Leben zu haben schien.

 

Leider währte meine Freude darüber nicht sehr lange und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, könnte ich wieder sofort anfangen mit weinen. Wenn ich denn noch weinen könnte.

 

Wir kamen gerade einmal bis zur dritten Kreuzung auf unserem Weg, als uns dieses kleine Mädchen begegnete. Sie war auf dem Weg zur Schule und schien in Eile zu sein. Vielleicht hatte sie verschlafen oder ihren Bus verpasst, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dieser kleine unschuldige Engel die Schule nie erreicht hatte und ihn auch nie wieder erreichen würde und irgendwie ist das alles meine Schuld. Es tut mir so leid. Hätte Ich das alles doch nur früher gewusst, dann hätte ich vielleicht noch etwas ändern können. Doch jetzt ist es zu spät, um noch eines der beiden Mädchen retten zu können.

 

Blacky war immer ein Herz von einer Seele gewesen und hatte keiner Fliege etwas zu leiden tun können. Selbst wenn man sie brutal zusammen geschlagen hätte, hätte sie nicht einmal im Traum daran gedacht sich zur Wehr zu setzen. Sie war die liebste und friedlichste Hundedame, die man sich vorstellen kann und jeder, der sie kannte, konnte das bestätigen. Zumindest war das immer so gewesen, bis zu jenem tragischem Augenblick, der sich in mein Gedächtnis gebrannt hat.

 

Wir befanden uns annähernd auf gleicher Höhe mit diesem Mädchen, dass vielleicht sieben oder acht Jahre alt gewesen sein mochte, als Blacky sich ohne Vorwarnung von mir los riss und der Kleinen an die Kehle sprang. Sie wollte noch schreien, doch es erklang nur noch ein blubberndes Gurgeln aus ihrer blutenden Kehle. Blacky hatte ihr mit einem heftigen Biss den Kehlkopf heraus gerissen. Ich war für etliche Sekunden wie traumatisiert und konnte nicht glauben, was sich gerade vor meinen Augen abspielte. Das konnte doch alles nur ein schlechter Traum sein. Das Mädchen griff sich mit beiden Händen an den Hals und sah mich mit weit aufgerissen Augen an. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Angst, Schmerz und blankem Entsetzen. Ich weiß nicht, ob sie begriff, was geschehen war. Ich konnte es in jenem Moment selbst nicht einmal wirklich verstehen. Ich stand einfach nur da und sah zu, wie immer mehr und mehr Blut aus der Wunde spritzte.

 

Blacky leckte an meiner linken Hand. Das war normalerweise ihr Zeichen dafür, dass wir nun weiter gehen konnten. Noch immer unter Schock stehend sah ich zu ihr hinab und blickte meiner geliebten Schäferhündin ins Gesicht. Das Blut klebte an ihrem Fell und tropfte von ihrer Schnauze, doch sie sah mich nur mit ihren an dunkelfarbigen Augen an, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Dies war zweifelsohne meine Blacky und doch erkannte ich sie nicht wieder. Ich konnte nicht begreifen, was in sie gefahren war, doch dann sah und verstand Ich es, denn für einen kurzen Moment leuchteten ihre Pupillen in einem strahlendem Blau auf. Dieses satte Blau, dass mich an getrocknete Farbe erinnerte. Erst als jemand lautstark um Hilfe rief, konnte ich mich aus meinem Schockzustand befreien. Ich sah zu dem am Boden liegenden Mädchen und dann wieder zu meiner Hündin und wusste nicht, was ich zuerst tun sollte.

 

Ich glaube, das Adrenalin, das durch meinen Körper schoss, half mir dabei wieder halbwegs einen klaren Gedanken zu fassen. Ich schritt auf das nächstgelegene Straßenschild zu und band Blacky daran fest. Ich achtete darauf, dass ich den Sicherheitsmechanismus ganz fest drückte, dass sie sich unter gar keinen Umständen von dem Schild entfernen konnte, doch sie machte keinerlei Anstalten die ihr zugewiesene Stelle zu verlassen. Ich gebot ihr Platz zu nehmen und ohne sich zu sträuben, legte sie sich auf den Gehweg.

 

Ich wand meine Blicke wieder dem Mädchen zu, dass still in einer Lache ihres eigenen Blutes lag. Menschen waren herbei geeilt und hatten sich bereits um sie gescharrt, um ihr zu helfen und auch die Sirenen von Polizei und Krankenwagen kamen schnell näher, doch es half alles nichts. Das kleine Mädchen verstarb, noch ehe die Rettungskräfte eingetroffen waren. Meine Welt brach in jenem Moment in sich zusammen.

 

Widerstandslos ließ ich mich von den eingetroffenen Polizisten abführen. Blacky wollte mir folgen und jaulte so herzzerreißend, als sie merkte, dass sie ihren Platz nicht verlassen konnte. Ich drehte mich nicht mehr um und als ein einziger Schuss das klägliche Winseln meiner geliebten Blacky beendete, rollten dicke schwere Tränen meine Wangen hinab.

 

Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Polizeiwache zubrachte. Die Zeit verflog und ich befand mich erneut in einer Art Dämmerzustand und versuchte die Erlebnisse zu verstehen. Die Polizisten verhörten mich mehrmals, es wurden Anrufe getätigt und nachgeprüft, ob es in der Vergangenheit bereits ähnliche Vorfälle gegeben hätte, doch fanden sie nichts. Wie sollten sie auch. Ich hatte mir nie etwas zu schulden kommen lassen und war seit Jahrzehnten ein vorbildlicher Hundehalter gewesen. Ich hatte ja selbst keine Ahnung, was mit meiner armen Blacky geschehen war, doch fühlte ich mich verantwortlich für dieses Drama. Das Blut des kleinen unschuldigen Mädchens würde für immer an meinen Händen kleben. Ich konnte mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was die Eltern der Kleinen jetzt durchmachen mussten und alles nur, weil ich für eine Sekunde nicht aufgepasst hatte. Immer und immer wieder ging mir nur diese eine Frage durch den Kopf: Warum?

 

Die Sonne stand schon tief am Abendhimmel, als die Beamten mich nach Hause gehen ließen. Ich hatte ihnen alles gesagt, was ich ihnen sagen konnte und es gab keinen Grund mehr, warum sie mich noch länger festhalten sollten. Ich wäre so oder so nicht davon gelaufen. Wo sollte ich schon hin? Das hier war meine Stadt, mein Zuhause. Ich hatte meine Arbeit hier, meine Familie und meine Freunde. Nein, ich würde nicht davon laufen. Ich würde mich der Verantwortung stellen.

 

Gedankenversunken und mit Tränen verschmiertem Gesicht trottete ich ziellos durch die Straßen, in denen selbst jetzt noch die Atmosphäre der Luft einer Dampfsauna glich. Warum, warum, warum? Wieder und wieder spielte ich gedanklich das Szenario in meinem Kopf durch, während mich dabei die, vor Angst weit aufgerissenen, Augen des Mädchens anstarrten. Ich wusste, dass mich dieser Anblick mein Leben lang nicht mehr los lassen und bis in meine Träume verfolgen würde.

 

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich den Vorfall durchspielte, bis mir auffiel, was mir eigentlich hätte sofort auffallen sollen: Ihre Augen waren blau gewesen und sei es nur für einen winzig kleinen Augenblick. „Ihre Augen waren blau.“ wiederholte Ich noch einmal leise sprechend: „Blau, blau, blau.“ Aber wie sollte mir eine Farbe dabei helfen, dieses Rätsel zu verstehen? Dann begriff ich es. Ich hatte diese Farbe schon einmal gesehen, auch wenn ich mich nur sehr schwach daran erinnern konnte. Fragmente von Bildern blitzten vor meinem inneren Auge auf. Ich sah eine erloschene Feuerstelle, einen seltsam leuchtenden Pilz und das Bild davon, wie blaue Farbe an meinen Fingerspitzen trocknete. Oder waren auch diese Bilder nur ein Produkt meiner Fantasie und ich hatte das alles nur geträumt?

 

Ich konnte mich in jenem Moment nicht mehr daran erinnern im Wald gewesen zu sein. Diese Erinnerung kehrte erst nach und nach wieder zu mir zurück. So als hätte dieses Etwas versucht, meine Erinnerungen vor mir selbst zu verbergen. Aber auch diese Bilder halfen mir nicht wirklich weiter. Ich wusste nichts mit ihnen anzufangen und selbst wenn ich es zu dem Zeitpunkt gewusst hätte, bin ich mir nicht sicher, ob es an meiner jetzigen Situation etwas würde. So oder so, es ist zu spät und meine Zeit wird von Minute zu Minute immer knapper.

 

Ich war so sehr in meinen Gedanken vertieft, dass ich weder mitbekam, wie die Zeit verging, noch wohin mich meine Schritte lenkten. Es war schon spät in der Nacht und ich befand mich irgendwo mitten in der Stadt, als Ich für einen Moment aus meiner Trance erwachte. Das matte Licht der Straßenlaternen beleuchtete die gepflasterten Fußwege. Abgesehen von vereinzelten Autos war ich allein. Wo war ich nur? Na toll, es war mitten in der Nacht und ich hatte mich allen Ernstes in der Stadt verlaufen, die ich eigentlich wie meine Westentasche kennen sollte. Ich stand eine Weile so da und sah mich nach einem Punkt um, an dem ich mich hätte orientieren können. Richtigen Schlaf hätte ich so oder so keinen gefunden, aber mir brannten die Füße vom vielen Umherlaufen und ich wollte nach Hause.


Doch meine Beine wollten mir nicht gehorchen.

 

Ja, ich weiß, dass es mehr als verrückt klingt, aber es ist so, wie ich es schreibe: Meine eigenen Beine wollten mir nicht mehr gehorchen. Ich wollte eigentlich gerade umdrehen, weil ich ein Gebäude erkannt hatte, welches ungefähr in der Richtung meines Zuhauses lag, aber meine Beine schlugen den genau entgegen gesetzten Weg ein. Gegen meinen Willen setzte ich einen Schritt vor den Anderen. Ich wehrte mich nach Leibeskräften, ob dieser Bevormundung durch meinen eigenen Körper, doch war es, als würden meine Beine nicht mehr Teil meines Körpers sein. Und es kam noch schlimmer. Waren es Anfangs nur meine unteren Gliedmaßen, kroch dieses Gefühl der Fremdbestimmung nun langsam durch meinen restlichen Körper. Als würde etwas in meinem Inneren die Kontrolle über mich übernehmen und ich hätte keine Chance mich dagegen zu wehren. Ich weiß nicht, ob sie sich vorstellen können, wie es ist, wenn man Teile seines Körpers plötzlich nicht mehr spürt. Als ob sie sich in Luft auflösen würden, nein, als ob man sich selbst nach und nach in Luft auflösen würde.

 

Gemächlichen Schrittes ging mein Körper mit mir spazieren, während meine eigene Existenz immer mehr verblasste und ich mich fühlte, als würde meine Seele aus meinem Körper gedrängt werden. Dieses Gefühl der Leere kroch über meinen Bauch und über meine Lungen, hinein in die Arme und den Kopf. Ich konzentrierte all meine Kraft und doch blieb mir nur die Kontrolle über das linke Auge und die rechte Hand.

 

Ich war ein Gefangener meiner eigenen Körpers geworden. Was sollte ich jetzt tun? Konnte ich denn überhaupt noch was tun? Mein Verstand fuhr Achterbahn in meinem Schädel. Wie sollte ich mich denn jetzt noch verständigen können? Wer könnte mir jetzt noch helfen? Tausende Fragen kamen mir in den Sinn, doch mir blieb nichts anderes übrig, als stumm abzuwarten, was mit mir passieren würde.

 

Scheinbar ziellos zogen wir, das heißt mein Körper und ich, durch die Stille dieser heißen Julinacht. Ich fragte mich, wer, wenn nicht ich, die Kontrolle über meinen Körper besitzen würde. Langsam entfernten wir uns vom Zentrum und näherten uns den weniger ausgebauten Siedlungen am Stadtrand. Wo wollte ich hin? Was hatte ich vor? Ich wusste nicht, was in mir vorging. Mein Bewusstsein blieb Isoliert vom Rest der Welt. Ich konnte nicht sprechen, nichts riechen, nichts schmecken und kaum mehr hören als meine eigenen Gedanken. Die typischen nächtlichen Geräusche wurden leiser, je mehr wir uns vom Stadtzentrum entfernten und die ganzen Geschäfte, Restaurants und Reihenhäuser wurden ersetzt durch schmucke Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften mit Garagen. Wenn mich nicht alles täuschte, befanden wir uns am anderen Ende der Stadt. Dann hielten wir plötzlich inne. Scheinbar hatte ich mein Ziel erreicht, was auch immer dieses Ziel war. Ich drehte den Kopf zur Seite und mein Blick fiel auf ein unscheinbares ebenerdiges Haus mit einem Carport daneben und einem winzigen Vorgarten. Ich sah mich nach links und rechts um und als ich sah, dass sich keine Menschenseele weit und breit befand, ging ich ohne zu zögern auf die Hauseingangstür zu.

 

Als ich, beziehungsweise dieses Wesen, welches Besitz von mir ergriffen hatte, das Türschloss berührte, leuchteten die Fingerkuppen meiner linken Hand blau auf. Schon wieder dieses Licht. Langsam dämmerte mir, dass dieses Licht damit zu tun haben müsste. Der Zylinder gab ein leises Zischen von sich und wie von Zauberhand sprang die Haustür auf. Unbemerkt schlüpften wir in den Flur hinein und schlossen die Tür hinter uns. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen, doch das Wesen bewegte sich so geschickt und unauffällig, als hätte es sein ganzes Leben hier verbracht.

 

Ich verwarf diesen Gedanken umgehend, als wir an einem Spiegel vorbeikamen und ich, wir, dieses Wesen hinein blickten. Ich konnte die feinen blauen Linien auf meiner Haut erkennen, die an meinen Konturen entlang sanft pulsierend unter der Kleidung hervor schimmerte. Als hätte man meinen kompletten Körper mit Leuchtfarbe angemalt. Aber am erschreckendsten fand Ich das strahlend blaue Auge, dass mir aus dem Spiegel heraus entgegen starrte, insofern man in einer Situation wie dieser überhaupt noch Steigerungen finden konnte. Das Wesen ignorierte scheinbar die Tatsache, dass nicht alle beide Augen leuchteten und wand seinen Blick ab und wieder dem Inneren des Hauses zu. Es wirkte nicht, als ob es etwas suchen würde, nein, viel mehr erschien es mir, als wüsste es bereits, wo es hin wollte.

 

Zielstrebig schlichen wir durch den dunklen Flur und das Wesen öffnete fast lautlos die Tür, die zu dem Schlafzimmer des Hauses führte. Die Beleuchtung der Straße leuchtete den Raum in ein mattes Gelb und doch war es hell genug für mich, um Details ausmachen zu können. In dem großen Federbett vor uns lag eine junge Frau mit langen Haaren, die nur ein hauchdünnes Negligé trug und von einem weißem Laken bedeckt wurde. Vorsichtig zog das Wesen die sommerliche Decke zur Seite und zum Vorschein kam der zierliche Körper, dessen sanfte Kurven sich unter dem Nachthemdchen abzeichneten.

 

Unfähig einzugreifen, konnte ich nur stumm ertragen, was sich zutrug. Das Wesen berührte die schlafende junge Frau an der Stirn und verursachte auch hier einen blauen Blitz, wie schon an der Eingangstür. Als ich das sah, kam mir wieder in den Sinn, wie sehr es mich geschmerzt hatte, als mich eben jenes Licht berührt hatte. Ich erwartete, dass die junge Frau nun mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht aufwachen würde, doch nichts dergleichen geschah. Sie schlief seelenruhig weiter. Das Wesen, ich, mein Körper, wie auch immer, entledigten uns aller Kleidung und legten uns zu ihr ins Bett hinein. Fassungslos, angewidert und schockiert erlebte ich mit, wie ich mich an dem hilflosen Mädchen verging, dass einfach nur da lag und sich nicht wehren konnte. Immer und immer wieder fiel das Wesen über sie her, bis mein Körper seinen Dienst versagte und nichts mehr ging. Als ob es sich mit aller Macht fortpflanzen müsse. Dann legte es sich hin und schlief einfach ein.

 

Zumindest gehe ich davon aus, dass es schläft. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Ich weiß auch nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt, bis es wieder aufwacht. Bald geht die Sonne wieder auf und ich selbst bin mittlerweile so hundemüde, dass ich befürchte jeden Moment einzuschlafen. Ich habe Angst vor dem, was geschehen wird, wenn ich eingeschlafen bin. Ich fürchte mich vor dem Gedanken, nie wieder aufzuwachen. Habe Angst, dass sich mein Bewusstsein endgültig in Luft auflöst, sobald ich das einzige Auge schließe, über das ich noch Kontrolle habe.

 

Ein Block Papier, ein Kugelschreiber und meine rechte Hand, mehr habe ich nicht zur Verfügung, um euch zu warnen. Ich habe diese Geschichte aufgeschrieben, weil es der einzige Weg für mich war, mich überhaupt noch mitzuteilen. Damit ihr es verstehen könnt. Es sind wahrscheinlich mein letzten Worte an die Menschen.

 

Bitte, findet mich.

Haltet mich auf.

Lasst nicht zu, dass...

 

© Dark Xperience


Die Handlung und alle darin handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche

Ähnlichkeit mit lebenden, verstorbenen oder realen Personen wären rein zufällig.


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