Der Tag, an dem ich starb

(Genre: Drama, 857 Wörter, 17.12.2014)

Wahrscheinlich werde ich mich beim Erzählen dieser Geschichte jetzt wie einer dieser heruntergekommenen Privatdetektive aus den fünfziger-Jahre-Filmen anhören, die Hollywood im immer gleichen Schema produziert hat. Ihr wisst schon, ein staubiges Büro in einem renovierungsbedürftigen Altbau, an dessen Fenster die Jalousie halb herab hängt und nur spärlich vor dem goldenen Sonnenlicht der aus Sex und Gewalt bestehenden Millionenmetropole schützt. Ein ehemaliger Cop, der sich selbstständig gemacht hat und nur noch auf eigene Faust ermittelt, da er einmal zu oft gegen die Vorschriften verstoßen hat und suspendiert wurde. Die Einnahmen reichen gerade so zum Überleben, aber die Miete ist trotzdem schon seit drei Monaten überfällig. In der einen Hand eine übel riechende, selbst gedrehte Fluppe und in der anderen Hand ein großes Glas, gefüllt mit billigem Fusel, der ihn vergessen lässt, wo er sich gerade befindet und wie es in seinem Leben läuft.

 

Und es läuft scheiße.

 

Natürlich bin ich kein privater Detektiv und ich wohne auch nicht in einem heruntergekommenem Apartment in L.A. oder San Francisco. In Wirklichkeit wohne ich in einer kleinen versifften 20qm Ein-Zimmer-Wohnung am Rande der Stadt. Die Wände hier sind so dünn, dass ich dabei zuhören kann, wenn mein Nachbar seine Freundin mal wieder krankenhausreif schlägt oder sie quer durch die Bude vögeln. Wahlweise auch manchmal beides zur selben Zeit. Weiß schon gar nicht mehr, wie oft in den letzten Monaten hier Polizei und Krankenwagen angetanzt sind. Soll mir auch egal sein. Ist nicht mein Bier, wie man so schön sagt. Hier ist sowieso jeder nur für sich allein zuständig. Also Klappe halten, weg gucken und die ganze verfluchte Scheiße ignorieren. Dafür werde ich von allen in Ruhe gelassen. Aber bei mir gibt's eh nichts zu holen. Es ist ein unscheinbares, graues Leben in einem unscheinbar grauen Block, an dessen Wänden motivierende Sprüche wie "Das Leben fickt uns alle" gesprüht wurde. Was für eine beschissene Welt. Ich mach das Rollo zu, um sie nicht zu sehen. Während im Fernsehen an diesem Abend zum x-ten Mal "Dinner for One" läuft und die Mattscheibe lautlos zuckend ihre blaue Farbe auf den Haufen Müll, den ich als mein Eigentum bezeichne, wirft, werfe ich erneut einen Blick auf den blutroten Wein in meiner Hand, in dessen Innereien sich bereits eine stattliche Mischung aus Schmerzmitteln und Schlaftabletten aufgelöst hat.

 

Warum sollte ich auch noch großartig drumherum reden? Draußen feiern die Menschen Silvester und ich habe eben beschlossen am heutigen Tag zu sterben. Mein Leben, meine Entscheidungen. Interessiert doch eh kein Schwein, ob ich lebe. Na gut, vielleicht die Leute, denen ich noch Geld schulde, aber was kümmert mich das Leid der Anderen. Ich drücke meine Kippe in dem überquellenden Aschenbecher aus und zünd' mir eine neue an. Die Musik im Haus verstummt.

 

Gleich ist das Jahr zu Ende. Gleich ist alles zu Ende.

 

Ich schalte zu einem der großen Sender um, die wie jedes Jahr den Countdown zum Jahreswechsel einleiten. Nur noch ein paar Sekunden. (Zehn) Die Spannung steigt. (Neun) Wie es wohl ist, (Acht) wenn man diese Grenze (Sieben) erst einmal überschritten hat (Sechs) und sich auf den Weg (Fünf) in die andere Welt macht? (Vier) Wenn es sie gibt. (Drei) Und wenn nicht, (Zwei) dann ist auch egal (Eins) Alles ist egal... "Frohes Neues" proste ich mir selbst zu, während Raketen und Blitzknaller die Stille durchbrechen und sich alle Menschen betrunken in die Arme fallen, und führe den süßen Cocktail an meine Lippen, doch just in diesem Moment knallt etwas gegen mein Glas, schlägt es mir aus den Händen und der rubinrote Saft verteilt sich wie eine Blutlache auf dem Boden. So eine Scheiße. Kann man sich hier nicht einmal in Ruhe das Leben nehmen?

 

Wieder drücke ich den Zigarettenstummel im überfüllten Sargnagel-Friedhof aus und schalte das Licht ein. Inmitten der falschen Blutlache liegt ein kleiner Spatz, der hilflos mit den verklebten Flügeln schlägt und schwer atmend versucht davon zu fliegen. Die Minuten vergehen, ohne dass ich meinen Blick von dem kleinen Kerl, der im Sterben liegt, abwenden kann, . "Warum hast Du meinen Platz eingenommen? Ich wollte doch an diesem Abend sterben und nicht, dass jemand wegen mir leiden muss." Das Vögelchen schaut mich wissend und mitleidig mit seinen schwarzen Pupillen an.

 

Dann verstehe ich es.

 

Ich muss nicht mehr sterben, denn ich bin bereits tot. Innerlich. Gestorben an dem Tag, an dem ich die Welt und mich selbst aufgegeben und nur noch das Schlechte in ihr gesehen habe.

 

Als der kleine Kerl seinen letzten Atemzug getan hat, nehme ich ihn behutsam in meine Hände und trage ihn nach draußen. Unauffällig vorbei an den betrunkenen, bekifften und johlenden Nachbarn, die ausgelassen im Hausflur feiern. Unter der kahlen Kastanie schaufel ich mit einem Löffel und meinen blanken Fingern ein Grab für den Kleinen und lege ihn vorsichtig hinein. Auf dem Weg zurück in meine Wohnung kommt mir ein sichtlich angeheitertes Mädels entgegen, nimmt mich spontan in den Arm und schreit mir vergnügt "Ein frohes Neues" in die Ohren. Ich lege meine Arme um ihre Schultern und kralle meine schwarzgefärbten Fingerkuppen in ihr Fleisch. "Frohes Neues" flüstere ich ihr ins Ohr und lasse meinen Tränen leise freien Lauf...

 

© Dark Xperience


Die Handlung und alle darin handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche

Ähnlichkeit mit lebenden, verstorbenen oder realen Personen wären rein zufällig.


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