Ein kleines Danke an Ina A. für die Plätzchen :)
Ein kleines Danke an Ina A. für die Plätzchen :)

Die Plätzchen-Dose

(Genre: Dark Fantasy, 2424 Wörter, 11.12.2014)

Lautstark schallte es "Alle Mann aufstehen!" durch die Flure, als es auch schon an seiner Zimmertür klopfte. Schlaftrunken öffnete Christopher die Augen und tastete nach dem Schalter seiner Nachttischlampe. Die plötzliche Helligkeit blendete ihn so sehr, dass er die Augen zukneifen und sich die Bettecke wieder übers Gesicht werfen musste.

 

Nein, ein Frühaufsteher war er definitiv nicht, aber das Waisenhaus hatte nun einmal seine Regeln und die galten auch samstags. Zumindest hatte er keine Schule. Gähnend streckte und reckte er sich, bevor er die wärmende Decke zur Seite warf und sich mit einem Ruck erhob. „Wenn er sich jetzt beeilen würde...“, ging es ihm durch den Kopf, doch dann vernahm er schon das Gepolter der anderen Kinder, die in die Bäder stürmten. Jeden Früh das gleiche. Seufzend fiel sein Blick auf den Adventskalender, der auf seinem Nachtschrank stand. Vierzehn Türchen waren bereits geöffnet und heute würde er das fünfzehnte öffnen können.

 

Nur noch neun Tage bis Heiligabend.

Neun Tage, in denen alles möglich war.

 

Ja, er spürte es, dieses Jahr würde er es nicht nur still schweigend im Fernsehen verfolgen. Nein, dieses Jahr würde er sein eigenes kleines Weihnachtswunder erleben, denn dieses Jahr würden seine neuen Eltern kommen und sie würden ihn mit zu sich nach Hause nehmen. Er würde mit ihnen vor dem warmen Kamin sitzen und das Haus wäre erfüllt vom Duft frisch gebackener Plätzchen. Leise würden die Melodien seiner liebsten Weihnachtslieder durch die Zimmer schweben und ein ganzer Berg Geschenke würde unter dem riesigem bunt geschmücktem Weihnachtsbaum nur darauf warten, von ihm ausgepackt zu werden.

 

Gähnend erhob er sich vom Bett, tauschte seinen Schlafanzug gegen bequeme Trainingsklamotten ein und zog die Jalousie nach oben. Über Nacht hatte es geschneit und die Welt lag nun in ihrem flauschigem Winterkleid vor ihm. Freudig warf er einen Blick nach draußen und erkannte Frau Bank, die durch die weiße Decke stiefelte und etwas rot funkelndes unter ihrem Arm trug. Lächelnd winkte er ihr zu, als sie ihn bemerkte und lächelnd winkte sie ihm zurück. Christopher wand sich vom Fenster ab, öffnete das Türchen seines Kalenders, steckte sich das kleine Täfelchen Vollmilch-Schokolade in den Mund und ging langsam in Richtung Gemeinschaftsraum.

 

Ja, dieses Jahr würde sein Wunsch nach Familie in Erfüllung gehen. Er konnte es mit jeder Faser seines Körpers spüren. Immerhin hatte er sich auch Schnee gewünscht und dieser Wunsch war bereits in Erfüllung gegangen. Ja, in diesem Jahr würde alles ganz anders werden. Hatte er doch erst letztens zufällig eine Unterhaltung zwischen Frau Bank und Frau Schmidt belauschen können, dass keines der Heimkinder jemals älter als dreizehn Jahre gewesen wäre. Und in paar Wochen würde er seinen vierzehnten Geburtstag feiern. Das musste einfach bedeuteten, dass es jemanden gab, der ihn noch vor Weihnachten adoptieren würde. Mit einem breiten Grinsen versuchte der Junge sich seine zukünftigen Eltern vorzustellen.

 

Nach dem Frühstück trat Frau Schmidt vor die versammelte Kinderschar und begann eine der üblichen Reden, die sie jeden Dezember mehrmals zum Besten gab. Sie erzählte von Träumen, Hoffnungen und Wünschen, aber auch von Verantwortung und Pflichten. Christopher hörte nur mit einem halben Ohr zu, denn er kannte ihre Reden bereits auswendig. Stattdessen lies er seine Blicke durch den Raum gleiten. Zuerst fiel sein Blick auf das erwartungsvolle Leuchten der Zuversicht in den Augen einiger der jüngeren Kinder und dann auf das rote Etwas, dass Frau Bank auf ihren Schenkeln abgestellt hatte, während sie den Worten ihrer euphorisch sprechenden Kollegin lauschte. Was es wohl damit auf sich hatte?

 

Alle applaudierten als Frau Schmidt mit ihrer Rede am Ende war und einige Kinder wischten sich sogar kleine Tränen der Rührung aus dem Gesicht. Dankend verließ sie den Raum und Frau Liane Bank, Herr Edwin Nuss und Frau Tina Gorn traten an ihre Stelle, teilten sämtliche Kinder in drei Gruppen auf und erklärten ihnen, welche vorweihnachtlichen Aufgaben am heutigen Tage jeweils auf sie warteten.

 

Die Kleinsten bekamen den Auftrag Weihnachtsbilder und Wunschzettel zu malen, die man an die Fensterscheiben hängen könnte, die etwas größeren Kinder bekamen die Aufgabe weihnachtliche Dekorationen zu basteln und Julian, Markus und er wurden für die Weihnachtsbäckerei eingeteilt, um Plätzchen zu backen. Darüber war er sehr erfreut, denn Christopher liebte Plätzchen über alles.

 

Frau Bank geleitete die drei Jungen in die Gemeinschafts-Küche, während sie noch immer das seltsame rote Ding mit sich herum schleppte. Jetzt, aus der Nähe betrachtet erkannte Christopher, dass es sich um eine metallene Plätzchen-Dose handelte. In der Küche angekommen händigte sie ihnen das diesjährige Plätzchen-Rezept aus und erklärte den Dreien, was sie zu tun hätten. Christopher kannte das alles schon, denn immerhin war er bereits das dritte Jahr in Folge für die Weihnachts-Plätzchen verantwortlich. Naja, okay, nicht ganz. Im letzten Winter war der ein Jahr ältere Sebastian der Chef-Plätzchen-Bäcker und Christopher war "nur" sein Gehilfe, aber trotzdem hatten sie sich gut verstanden gehabt und zusammen leckere Plätzchen gebacken.

 

Doch in diesem Jahr war Christopher wieder der Chef-Bäcker und während Frau Bank sich in eine Ecke der Küche verzog, in ihrem Frauen-Magazin blätterte und die Jungs gewähren ließ, teilten sich diese die Aufgaben untereinander auf. Markus, der elfjährige, braunhaarige Bub mit der Narbe auf der Wange, rührte den Teig an, während Julian, der schmächtige, zwölfjährige Brillenträger, ihn zu einem Teppich ausrollte, damit er, Christopher, gewissenhaft die Plätzchen ausstechen konnte. Es gab Sterne, Herzen, Weihnachtsbäume, Glocken und Sternschnuppen. Von den letzteren ganz besonders viel, damit sich auch die ganzen anderen Kinder etwas wünschen konnten. Die Zeit verflog und Blech um Blech ausgestanzter Teig verschwand im Ofen, um Minuten später als Plätzchen wieder aufzutauchen und ihr süßlich verlockender Geruch durchströmte das ganze Waisenhaus.

 

Frau Bank hatte ihr Magazin zu Ende gelesen und schaute den Kindern nun über die Schultern. "Das sieht ja lecker aus." sprach sie und Christopher jagte beim Klang ihrer Stimme ein kalter Schauer über den Rücken. Sie griff sich ein paar der goldfarbenen Plätzchen, schob sie schnell in die rote Plätzchen-Dose, die sie keine einzige Sekunde aus den Händen gelegt hatte und wand sich zum Gehen. "Ich sehe schon, dass ihr alleine klar kommt. Dann kann Ich euch ja auch getrost ein paar Minuten alleine lassen. Ich bin gleich wieder da, also macht keinen Unsinn." Mit diesen Worten und der unter dem Arm geklemmten Dose verließ sie die Küche, doch erst als die Tür wieder ins Schloss gefallen war, konnte Christopher dieses ungute Gefühl abschütteln. Er wusste nicht, was für ein seltsames Kribbeln das gewesen war, war aber überaus dankbar dafür, als es endlich aus seinem Körper und seinen Gedanken verschwunden war und sie weiter in Ruhe Plätzchen backen konnten.

 

Die Ruhe sollte allerdings nicht lange währen, denn irgendwie schaffte es Julian sich die rechte Hand am heißen Gitterrost zu verbrennen. Er schrie auf vor Schmerz, jammerte und winselte wie ein geschlagener Hund und wasserfallartig liefen Tränen an seinen Wangen hinab. Geistesgegenwärtig schob Christopher den jüngeren zum Waschbecken und ließ ihn seine Hand unter das eiskalte Wasser halten. Dann rannte er los, um Frau Bank zu suchen, die ihnen helfen musste. Er rannte so schnell durch die vertäfelten Gänge, dass er sich am Türrahmen ihres Büros festhalten musste, um die Kurve noch zu kriegen. Schwungvoll warf er sich gegen die angelehnte Zimmertür, hinter der er ihre Stimme hörte, und sie flog mit einem lauten Knall auf. Erschrocken blickte ihm Frau Bank ins Gesicht, als er so unvermittelt in ihr Zimmer herein platzte. Noch immer hielt sie die etwa suppentellergroße Blechdose zwischen ihren Händen, doch dieses Mal war der Deckel leicht geöffnet. Führte sie etwa Selbstgespräche mit einer Plätzchen-Dose? Verwundert blickte der Junge zwischen seiner Erzieherin und der roten Blechdose hin und her, während er versuchte wieder zu Atem zu kommen und wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Mit so einer Situation hatte er nicht gerechnet und es dauerte einen Moment, eh ihm wieder einfiel, weswegen er eigentlich gekommen war.

 

"Frau Bank. Hilfe. Schnell. Julian. Am Herd verbrannt." kamen die abgehackten Worte endlich aus dem Mund des Jungen. Und auch die gute Frau gewann ihre Fassung zurück und löste sich aus ihrer Starre. "Ist gut Christopher, Ich komme sofort." gab sie ihm zur Antwort: "Geh schon mal vor, Ich komme sofort nach." "Okay." sprach der schnaufende Knabe und wandte sich wieder der Tür zu, um zurück in die Küche zu eilen, doch nicht ohne noch einen letzten Blick auf die metallene Dose in ihren Händen zu werfen. Irgendwas an diesem Blechding zog seine Aufmerksamkeit an. Wie ein Plätzchen, dass nur darauf wartete, von ihm gegessen zu werden. Blitzschnell verschloss Frau Bank die rote Dose, als ihr bewusst wurde, dass deren Deckel noch offen stand und sein Blick wie hypnotisiert an ihr hing. Das metallische Klacken des Deckels weckte ihn aus seiner Traumwelt und hastig spurtete er zurück. Sie versteckte die Dose wieder an ihrem Platz und eilte ihm dann nach.

 

Julians Verbrennungen waren Gott sei Dank nicht so schlimm, wie sie zuerst befürchtet hatte und dank Christophers schneller Reaktion waren noch nicht einmal Brandblasen zu sehen. Frau Bank versorgte Julians Hand mit Wund- und Heilsalbe, bevor sie ihm einen Verband anlegte. Als sie damit fertig war zog sie Christopher zur Seite, wo sie niemand belauschen konnte.

 

"Es war gut von Dir, dass Du mich sofort gerufen hast. Auch wie Du reagiert hast. Du kannst wirklich stolz auf Dich sein." begann sie die Unterhaltung. "Ich möchte nur wissen, was Du gesehen oder gehört hast, als Du in meinem Zimmer gewesen bist?" "Ich, also, ähm..." stotterte er. Etwas in ihrer Stimme klang bedrohlich. Hatte er etwas falsches gemacht? "Nun sag schon." forderte sie ihn noch einmal mit Nachdruck auf. Dieses Mal war der Klang in ihrer Stimme noch einen Zacken schärfer und eingeschüchtert antwortete Christopher wahrheitsgemäß: "Ich habe nichts gesehen oder gehört Nur sie, wie sie die rote Dose in den Händen hielten." Dass er für einen kurzen Moment das Gefühl verspürt hatte, die Dose würde ihn zu sich rufen, das verschwieg er wohl besser. "Gut." sprach Frau Bank und streichelte ihm fast mütterlich über den Kopf. Die Schärfe war mit einem Schlag aus ihrem Tonfall verschwunden. "Macht sauber, wenn ihr mit allem fertig seid und wascht alles ab."

 

Dann wand sie sich wieder zum Gehen, doch dieses Mal drehte sie sich noch einmal um, bevor sie die Küche verließ, sah ihn mit kalten Augen an und sprach mit ebenso kalter Stimme: "Und Christopher, vergiss meine Plätzchen-Dose und halt Dich fern von ihr."

 

Abgesehen von den üblichen kleinen Streitereien verlief der restliche Tag ohne nennenswerte Vorkommnisse ab und mehr oder weniger waren alle gut drauf und in vorweihnachtlicher Stimmung.

 

Abends lag Christopher in seinem Bett und las im Schein der Nachttischlampe eines der Bücher aus der hauseigenen Bibliothek, doch heute konnte er sich nicht so recht aufs Lesen konzentrieren. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu der geheimnisvollen Plätzchen-Dose ab. Warum machte Frau Bank nur so ein Geheimnis aus dem roten Ding, obwohl sie es den ganzen Tag mit sich herum schleppte? Und warum zum Teufel sollte er sich bloß von ihr fern halten und sie vergessen?

 

Je länger er darüber nachdachte, desto unruhiger wälzte er sich in seinem Bett hin und her. Bis schließlich die Neugier die Oberhand gewann und er sich dazu entschloss der Sache auf den Grund zu gehen.

 

Es war ihnen eigentlich nicht gestattet nach zwanzig Uhr auf den Gängen herum zu schleichen und normalerweise war er nicht der Typ, der sich freiwillig Ärger einhandelte, doch diese Mal war seine Neugier größer als seine Angst davor erwischt zu werden. Es würde ja nur bei diesem einem Mal bleiben.

 

Vorsichtig warf er einen Blick auf den Flur, in dem nur die grünen Fluchtwegleuchten ihren stummen Dienst leisteten. Es war so ruhig, dass man meinen könnte, das ganze Haus würde bereits schlafen. Auf Zehenspitzen schleichend bewegte sich Christopher durch die Flure und versuchte so wenig Geräusche wie nur möglich zu machen, doch es blieb auch weiterhin ruhig. Selbst nachdem die Treppe so laut geknarrt hatte, dass er schon befürchtete durch die Treppenstufe zu brechen.

 

Es war, als wäre er ganz allein in dem riesigem Haus unterwegs.

 

Nach einer schier endlos erscheinenden Zeit erreichte er endlich das Büro von Frau Bank und drückte vorsichtig die Klinke hinab. Sie war nicht wie üblich verschlossen. Die Scharniere der Tür quietschten leise, als er sie öffnete und sich hinein schob. Hier drinnen war es noch dunkler als in den Gängen und hätte nicht der Mond in das kleine Zimmer hinein geleuchtet, hätte er wahrscheinlich überhaupt nichts sehen können. So dauerte es jedoch nicht lange und seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Der Knabe schlich zum Schreibtisch und betätigte den Schalter der Leselampe, die die nussfarbene Fläche in ein warmes Licht tauchte. Christopher ging um den Tisch herum und begann nach der roten Blechdose zu suchen. Vorsichtig öffnete er eine Schublade nach der anderen, konnte ihrer jedoch nicht habhaft werden.

 

Nach einer halben Stunde ergebnisloser Suche wollte er sein Unterfangen schon abbrechen, als sein Blick auf ein rotes Funkeln fiel, dass von einem der hohen Schränke zu kommen schien. Er schob ihren schwarzen Schreibtischstuhl an den Schrank heran, stieg hinauf und begann die Oberseite nach der verborgenen Dose abzutasten. Die Schrankkante schnitt sich bereits in das Fleisch seiner Unterarme, als er sie endlich mit den Fingerspitzen zu fassen bekam. Millimeter für Millimeter zog er das Objekt seiner Begierde näher an sich heran, bis er es richtig greifen und vom Schrank heben konnte.

 

Stolz über seinen Erfolg sprang Christopher vom Stuhl herab und stellte seine Errungenschaft wie eine Jagdtrophäe in den warmen Schein der Schreibtischlampe. Sie sah aus wie eine gewöhnliche rote Plätzchen-Dose aus gewöhnlichem Blech und war mit gewöhnlichen weihnachtlichen Motiven versehen. Aber trotzdem war etwas anders an dieser hier. Er wusste zwar nicht was, aber er spürte einfach, dass etwas mit ihr nicht stimmte und heute Nacht würde er ihr ihr Geheimnis entlocken.

 

Mit einer Mischung aus mahnender Vorsicht und ungeduldiger Neugier schob er seine Fingernägel unter den Rand des metallenen Deckels, um ihn öffnen zu können. Er hörte noch, wie der Deckel leise zischte, als Metall an Metall schabte, dann wurde er ohne Vorwarnung in die Dose hinein gezogen und der Deckel verschloss sich selbstständig.

 

Am nächsten Morgen war das Waisenhaus in heller Aufregung, als sich herumsprach, dass Christopher über Nacht verschwunden wäre, auch wenn es nicht ungewöhnlich war, dass hin und wieder eines der Kinder für ein paar Tage verschwand. Nur Frau Bank saß ganz entspannt auf ihrem Schreibtischstuhl und griff sich ein Plätzchen aus der roten Blechdose. „Ach Christopher...“ seufzte sie leise und biss genüsslich von dem zart schmeckenden Gebäck ab, während sie daran dachte, dass Julian im nächsten Jahr seinen dreizehnten Geburtstag feiern würde...

 

© Dark Xperience 


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