Der Wanderer (Spin-Off 2) - Vanth

Tortuga, 1706


Neun Jahre sind ins Land gezogen, seitdem Anne Bonney die Sklaven aus der Hand der Menschenhändler befreien konnte. Aus Oyá ist ein hübsches 15-jähriges Mädchen geworden, die sich mit ihrem Ziehvater Pakka gut auf der Insel eingelebt hat. Die beiden leben in einer alten Villa, die sie von der Piratenkönigin geschenkt bekommen haben und ja, man könnte sagen, die Insel ist mittlerweile ihr Zuhause geworden. 


Magrid, Oyás einstige Freundin, war ein paar Meilen weiter bei Nuka untergekommen und hatte sich seit dem Vorfall auf dem Schiff mehr und mehr von der Außenwelt abgeschirmt. Anfangs hatten die zwei Mädchen noch mehr oder weniger regelmäßigen Kontakt gehabt, aber seit gut zwei Jahren hatte Oyá ihre Freundin nicht mehr gesehen und immer wenn sie an Nukas Tür klopfte, um sich nach ihr zu erkundigen, wird sie mit einem „Ihr geht es gut. Mach dir keine Sorge.“ fort geschickt.


Ihr Ziehvater Pakka hat das Mädchen in die Geheimnisse des Voodoo eingeführt und zusammen halten sie regelmäßig Zeremonien für die anderen ehemaligen Sklaven ab oder helfen ihnen dabei mit den Toten zu kommunizieren. Das Mädchen fragt auch regelmäßig nach ihren Eltern, doch der alte Hexenmeister gibt ihr stets die selbe Antwort: "Ihnen geht es gut, mein Kind. Papa Legba kümmert sich um ihre Seelen.“  Oyá hat ihre Eltern nie kennenlernen dürfen und die einzige Erinnerung an ihre Mutter ist das Bild einer Frau, die sie liebevoll im Arm hält und ihr dabei etwas vorsingt. Doch so sehr sich das Mädchen auch versucht an das Gesicht der Frau zu erinnern, es bleibt doch stets hinter dem schwarzen Schatten der Vergangenheit verborgen und sie schafft es nicht einen klaren Blick auf ihre Mutter zu erhaschen. Oyá seufzt leise auf und spricht in Gedanken: „Ich vermisse euch so sehr.“


In diesem Augenblick ist es ihr Ziehvater, der sie aus ihren morgendlichen Gedanken reißt. „Oyá, komm mal bitte. Ich brauche deine Hilfe.“ Das Mädchen schwingt sich aus den weichen Kissen ihres provisorischen Bettes und durchquert den sporadisch eingerichteten Raum, um etwas frische Luft hinein zu lassen, bevor sie sich auf dem Weg nach unten macht. Quietschend öffnen sich die rostigen Scharniere des Fensters und eine kühle Brise weht durch ihr rabenschwarzes Haar. Und obwohl erst vor ein paar Minuten die Sonne aufgegangen sein musste, ist es leuchtend hell über den Wipfeln des tropischen Waldes. „Oyá, nun komm endlich!“ vernimmt sie erneut die rauchige Stimme Pakkas. Sie rollt mit den Augen und seufzt flüsternd: „Oh man, dass der Alte nicht einmal Geduld haben kann.“ Sie wendet sich vom Fenster ab und durchquert schwerfällig das kleine Zimmer. Die Müdigkeit steckt ihr noch immer in den jungen Knochen. Sie öffnet die Tür und antwortet ihm genervt: „Jaha, ich komme ja schon.“


Oyá folgt dem kleinen Flur bis zu der Treppe, die in die untere Etage führt. Ungeduldig steht der alte Hexenmeister schon am anderen Ende und wedelt mit einem Zettel, den er in der rechten Hand hält. „Oyá, los komm jetzt, trödle nicht so herum. Du musst in die Stadt und die Sachen besorgen, die ich dir aufgeschrieben habe.“ Das pubertäre Mädchen antwortet ihm übertrieben mädchenhaft „Aber natürlich, Vater.“, bevor sie erneut mit den Augen rollt und genervt die Treppe herunter geht. Als ob er ihre Gedanken lesen könnte, antwortet der Alte ihr: „Ich kenne diesen Blick, junges Fräulein und ja, ich weiß, dass es dich nervt, aber ich habe heute noch viel zu erledigen und deshalb musst du das für mich übernehmen.“ Die Antwort ihres Ziehvaters treibt ein sarkastisches Grinsen in ihr Gesicht. Immerhin musste sie immer ihre Einkäufe erledigen, während er faul zuhause herum saß. „Was ist es heute?“ fragt sie ihn mit einem leicht spöttischem Unterton: „Musst du dich wieder in deinen Sessel setzen und deinen Tabak rauchen?“ Pakka lacht herzhaft und erwidert: „Nein, ich muss heute zu Nuka und ihr bei einem Problem helfen.“ Das Grinsen auf dem Gesicht des Mädchens verschwindet und weicht einem besorgten Blick. „Stimmt etwas mit Magrid nicht?“ will sie wissen, doch der Alte beschwichtigt sie sofort. „Nein, nein, mit Magrid ist alles in Ordnung. Nuka braucht nur Hilfe bei einigen Hausarbeiten.“ Sie glaubt ihm nicht, aber sie weiß auch, wie unglaublich starrsinnig er ist und dass es keinen Sinn machen würde, ihn weiter mit Fragen zu bohren. Er würde ihr nicht antworten.


Oyá gibt sich geschlagen und reißt ihrem Ziehvater den Zettel aus der Hand, ohne einen Blick darauf zu werfen. Sie weiß schon, welche Vorräte sie brauchten. Ein paar Hühner, ein bisschen Getreide, frischen Fisch und ein paar andere Kleinigkeiten. Was man eben für ein zeremonielles Ritual alles braucht. Sie verlässt die alte Villa und macht sich auf den Weg in die Stadt. Wobei das Wort „Weg“ für den alten Trampelpfad schon mehr als schmeichelhaft ist.


Der Pfad führt auch an dem alten Haus vorbei, in dem sich Nuka und Magrid niedergelassen haben. Auch ein Geschenk der Piratenkönigin. Das weiße Gebäude ist mittlerweile schon etwas in die Jahre gekommen und sieht nicht mehr ganz so schick aus, wie es zu ihrer Ankunft ausgesehen hatte. Der kleine Vorgarten ist mit allerlei Unkraut und Gestrüpp überwuchert, wirkt ungepflegt und vereinzelt sind die Gräser schon so hoch, dass sie den maroden Zaun überragen, der das Grundstück abgrenzt. Nur ein schmaler Gang, der früher mit schönen weißen Steinen gepflastert gewesen war, führt noch zu der Tür des Hauses. Pakka hatte öfters seine Hilfe angeboten, doch Nuka hatte diese stets abgelehnt. „Kind, wenn jemand deine Hilfe nicht will, darfst du ihn auch nicht zu seinem Glück zwingen.“ pflegte ihr Ziehvater stets zu sagen, wenn Nuka wieder einmal ihr „Ich schaffe das schon allein.“ predigte. „Naja, offensichtlich ist das nicht der Fall.“ seufzt Oyá und wendet ihren Blick traurig von dem kleinen Häuschen ab.


Eine gefühlte Stunde später erreicht das Mädchen den Rand der großen, weißen Stadt Tortuga, aus deren Mitte schon von weitem sichtbar das prächtige Kuppeldach von Anne Bonneys Residenz prangt. In gewisser Weise war dies sogar das Wahrzeichen der Stadt. Für einen Moment überlegt sie, ob sie ihrer ehemaligen Retterin einen Besuch abstatten soll, doch lässt den Gedanken ebenso schnell wieder verfliegen, wie er gekommen ist. Pakka würde nur wieder schimpfen, wenn sie herum trödeln und sich Zeit lassen würde. 


Mit zügigen Schritten nähert sich das junge Mädchen dem östlichen Stadteingang, der wie immer von zwei Wächtern bewacht wird, doch wie üblich sind die beiden mehr mit ihrem Kartenspiel beschäftigt, als mit ihrer Aufgabe die Stadt zu beschützen. Karlos, ein braun gebrannter und scheinbar immer gut gelaunter Pirat mit einem Ziegenbart und schwarzen Haaren begrüßte sie als erstes: „Hey Oyá, na bist du wieder für deinen Vater unterwegs?“ „Klar“, antwortet ihm der Teenager und nickt ihm lächelnd zu: „Und wie ich sehe, bist du schon wieder dabei, deine hart verdiente Kohle zu verspielen.“ Woraufhin der andere Pirat laut zu lachen anfängt. „Ja und er wird nie gewinnen.“ „Das werden wir ja noch sehen, Jack.“ wirft Karlos ein und haut seinem Kollegen freundschaftlich auf die Schulter. „Dieses Mal habe ich ein gutes Gefühl bei der Sache.“ „Das sagst du mir jedes Mal.“ lacht Jack und auch Oyá lässt sich von dem herzhaftem Gelächter der beiden Piraten anstecken. „Ihr zwei werdet euch auch wohl auch nie ändern, was?“ „Deswegen magst du uns doch.“ antworten beide wie aus einem Mund. Oyá lacht, schüttelt ihren Kopf und geht an den beiden vorbei in die Stadt, während diese sich wieder ihrem Spiel zuwenden. Nach ein paar Metern dreht sich das Mädchen noch einmal um und ruft den beiden zu: „Wir sehen uns ja nachher wieder.“ „Aye!“ antworten sie und winken ihr zum Abschied zu.


Zielstrebig lenkt Oyá ihre Schritte zum Hafen, wo die Händler schon lautstark um Kundschaft feilschen und versuchen sich gegenseitig die Kunden abzuwerben. Sie ignoriert die schreienden Männer und widmet sich ihren üblichen Einkäufen. Bevor sie den Hafen wieder verlässt, wirft sie vorsichtshalber doch noch einen Blick auf den Zettel, den ihr Pakka mit gegeben hat. „Nanu?“ wundert sie sich und liest noch einmal laut die Worte, die auf dem gelben Papier stehen, um sich auch sicher zu sein, dass sie sich nicht verlesen hätte. „Stroh, Nadeln, Kerzen, Salz, hmm...“ grübelt die angehende Voodoozauberin: „Was will denn Pakka mit diesen Sachen? Das sind doch Materialien, die man normalerweise zur Herstellung von Voodoopuppen braucht oder wenn jemand schwer erkrankt ist?“ In diesem Moment macht es klick in ihrem Schädel und sie erinnert sich an die Worte, die er heute morgen zu ihr gesagt hat. „Ich will rüber zu Nuka. Sie braucht meine Hilfe.“ Eilig besorgt das Mädchen die restlichen Sachen und verlässt dann schnellen Schrittes die lebhafte Stadt. Als sie sich dem Stadttor nähert, rennt sie schon fast und zischt wortlos an den beiden Wachen vorbei. „Huch, du bist ja heute schnell wieder zurück.“ ruft ihr Karlos hinterher: „Ist alles in Ordnung bei dir, Kleine?“ „Ja, alles okay.“ antwortet sie ihm ohne sich umzudrehen und fügt in Gedanken hinzu: „Das hoffe ich zumindest.“


Sie rennt die letzten Meter, als das Haus von Nuka und Magrid am Horizont auftaucht. Die Hitze des Tages und die Sorge, dass ihrer Freundin etwas passiert sein könnte, machen ihr zu schaffen und heiß rinnt der Schweiß von ihrer Stirn. Stürmisch klopft sie an die weißen Eingangspforte und ruft ungeduldig: „Nuka, Pakka, Magrid, irgendwer zuhause?“ Einige Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommen, vergehen, bis sich endlich die Haustür öffnet und sie in das erschöpfte Gesicht Nukas blickt. Auch ihr läuft der Schweiß von der Stirn und fließt einem Wasserfall gleich ihre schwarze Haut hinab. „Nuka, ist alles okay bei euch?“ fragt Oyá bevor Nuka sie begrüßen kann. Die Frau bemüht sich darum ein freundliches Gesicht zu machen und ein winziges Lächeln huscht über ihre Lippen, als sie mit trauriger Stimme antwortet: „Ja, mein Kind, es ist alles in Ordnung.“ Bevor Oyá etwas erwidern kann, reißt Pakka die Haustür noch weiter auf und stellt sich neben Nuka. „Hast du die Sachen, die du für mich holen solltest?“ spricht er unruhig seine Ziehtochter an und jene antwortet besorgt, während sie ihm den Beutel reicht: „Ja, habe ich, aber...“ „Nichts aber.“ unterbricht ihr Ziehvater sie: „Ich erkläre es dir später, wenn ich wieder zuhause bin. Und jetzt geh.“ „Ja, aber...“ protestiert Oyá von neuem, doch Pakka bleibt stur, wie eh und je. „Ich sagte, du sollst nach Hause gehen!“ raunzt er sie genervt an, doch seine Ansprache wird jäh von einem Schrei unterbrochen, der aus dem hinteren Teil des Hauses zu kommen scheint. „Magrid!“ ruft Oyá entsetzt, schiebt sich energisch an den beiden Erwachsenen vorbei und rennt zu ihrer Freundin.


Als sie Magrids Zimmer betritt, kann und will sie ihren Augen nicht trauen. Ihre Freundin liegt verkrampft auf ihrem Bett und bäumt sich immer und immer wieder schreiend auf. Ihre Augen sind verdreht und zeigen nur das kalte Weiß ihrer Augäpfel. Ohne darüber nachzudenken, rennt Oyá zu dem Mädchen hin und ergreift ihre Hände: „Magrid! Magrid!“ schreit sie ängstlich: „Was ist mit dir?“ Doch ehe ihre Freundin auch nur die Chance hätte, etwas zu erwidern, wird Oyá von der starken Hand Pakkas ergriffen, der sie wieder aus dem Zimmer schleift und auf den Fußboden wirft. „Ich habe dir gesagt, dass du verschwinden sollst!“ schreit er das junge Mädchen an. „Ich brauche meine Ruhe und erkläre dir alles später!“ Dann verschließt er die Tür und lässt Oyá mit ihren ganzen Fragen allein zurück. Sie steht auf und will sich wieder in Magrids Zimmer stürzen, doch wird sie erneut festgehalten. Dieses Mal ist es Nuka, die sie in die Arme nimmt und spricht: „Hab keine Angst, mein Kind, Magrid ist in guten Händen.“ Dann wird sie mit sanfter Gewalt nach draußen geschoben. Die Tränen stehen dem besorgtem Mädchen im Gesicht, als Nuka die Haustür hinter ihr verschließt und sie allein im Vorgarten zurück bleibt. Verzweifelt wirft sich das Mädchen gegen die weiße Tür und trommelt wild dagegen. „Nuka, Nuka, ich will wissen, was hier vor sich geht! N-U-K-A!“ Dann bricht sie weinend und schluchzend zusammen und sackt auf die Knie, wo sie ihr Gesicht in den Händen verbirgt. 


So vergehen einige Stunden. 


Mittlerweile ist die Sonne fast schon wieder hinter dem Horizont versunken. Zeit, in der Oyá immer wieder an die Tür klopft und um Einlass bettelt, doch keiner öffnet ihr. Das Mädchen erkennt, dass es keinen Sinn macht, noch länger hier zu warten und begibt sich nach Hause. Unterwegs geht ihr nur ein einziger Satz durch den Kopf: „Pakka wird mir einiges zu erklären haben.“ Ihre Verzweiflung schlägt in Wut um, als sie an der Tür ihres Heimes ankommt und sie mit voller Wucht an die selbige tritt. „Zwei Jahre habe ich sie mittlerweile nicht mehr gesehen, verdammte zwei Jahre und jetzt seh ich sie zum ersten Mal wieder und keiner erklärt mir, was überhaupt los ist!“ Sie stößt die Tür auf, rennt in ihr Zimmer und schmeißt sich auf das Bett, wo sie ihr tränen-überströmtes Gesicht in die Kissen drückt und irgendwann ins Reich der Träume reist.


Es ist ein beunruhigender Traum, der sie heimsucht. Erneut blickt sie in das von Narben zerfressene Gesicht von Claus, dem Piraten, der sie damals geschlagen und gequält hatte. Erneut fühlt sie sich klein und wehrlos und kann sich nicht rühren. Und erneut kriecht ihr sein Alkohol geschwängerter Atem und der Gestank seiner verfaulten Zähne in die Nase, als er sich zu ihr herunter beugt und ihr hämisch ins Ohr flüstert: „Oh, sie an, sie an, deine kleine Freundin ist zurück gekehrt.“ Er macht eine Pause und beugt sich rüber zu ihrem anderem Ohr. „Oh, sie an, sie an, deine kleine Freundin wird sterben und dann werden wir viel Spaß mit ihr im Totenreich haben.“ Er lacht dreckig und verschwindet dann langsam wieder in der Dunkelheit, um zwei grinsenden Schädeln Platz zu machen, die aus der Finsternis heraus auf sie zugeflogen kommen. „Oh, sie mal Loco, ist das nicht ein süßes Kind?“ spricht der eine der beiden zu dem anderen und lacht, während er wild mit den Zähnen klappert. „Darf ich sie essen?“ „Nein, Sobo, du würdest nur wieder Mundgeruch bekommen.“ antwortet ihm der zweite Schädel und fliegt noch näher an das verängstigte Mädchen heran. „Hallo, meine Kleine. Ich bin Loco und das ist mein kleiner Bruder Sobo Kessou. Wir sind von Papa Legba geschickt wurden, um dich zu warnen.“ Unschlüssig blickt das Mädchen von einem Schädel zum anderen. „Wovon redet ihr da? Seit ihr etwa Loa, mächtige Geister?“ Sobo lässt ein spöttisches Lachen erklingen und antwortet mit einem aggressiven Unterton in seiner Stimme: „Natürlich sind wir Loa, dummes Kind.“ Und an seinen Bruder gewandt, spricht er: „Ich hasse Kinder. Immer müssen sie dumme Fragen stellen.“ „Zügle deine Zunge, wenn du nicht willst, dass Papa Legba uns bestraft.“ versucht ihn Loco zu beschwichtigen und wendet sich dann wieder an Oyá: „Kind, hör zu, es geht um deine Freundin. Sie ist einen Handel mit Baka, dem bösen Gott, eingegangen, um sich an der Menschheit für die ihr zugefügten Qualen zu rächen. Ihr Herz ist zerfressen von Wut und Trauer und Obatala, unser oberster Gebieter und Papa Legba haben dich auserwählt, um sie wieder auf den rechten Pfad zurück zu bringen.“ Das Mädchen lacht hysterisch. Das ist alles zu viel für ihren jungen Verstand. „Was? Wovon zur Hölle redet ihr da?“ Nun meldet sich der zweite Schädel wieder zu Wort: „Wie mein Bruder schon sagte, du wurdest auserwählt die Welt zu retten.“ 


Loco schüttelt seinen Schädel und ergreift wieder das Wort: Wenn du einen Vertrag mit Papa Legba eingehst, dann kannst du deine Freundin retten. Mehr musst du erstmal nicht wissen.“ Wie aus dem Nichts taucht ein Pergament und ein Messer vor ihrem Gesicht auf und das Geisterwesen fährt fort: „Wenn du den Vertrag mit deinem Blut unterzeichnest, dann werden wir und auch andere Loa dir dienen. Schnell, überlege nicht lange und unterschreibe den Vertrag, sonst wird deine Freundin sterben.“ Doch Oyá zögert. Ihr geht das alles zu schnell und noch immer hat sie ihre Zweifel: „ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“ Wieder ist es Sobo, der sich in das Gespräch der beiden einmischt. „Lass gut sein, Bruder, es macht keinen Sinn. Anscheinend will sie ihre Freundin sterben lassen. Komm, wir verschwenden hier nur unsere Zeit.“ Dieser Satz bringt das Mädchen zur Weißglut und sie schnappt sich wütend das Messer, das noch immer vor ihren Augen schwebt. Ohne noch länger darüber nachzudenken, schneidet sie sich in den Daumen und drückt die blutige Kuppe auf das magische Pergament. Der Vertrag leuchtet kurz auf und verschwindet dann wieder in dem Nichts, aus dem er gekommen war.


Die beiden Schädel beginnen zu lachen und Loco wendet sich wieder an das Mädchen: „Gut gemacht, Kleines, aber ich vergaß, dir noch etwas zu erzählen...“ Oyá verflucht sich innerlich, ob ihrer törichten Handlung. Pakka hatte sie immer davor gewarnt gehabt unbedacht zu handeln und nun hatte sie es doch getan. „Deine Seele gehört nun Obatala, dem höchsten aller Loa und er allein wird dein Handeln bestimmen. Dein Leben gehört nun allein ihm.“ Bevor Oyá etwas erwidern kann, wird sie von höllischen Schmerzen aus den Schlaf gerissen. Ihr Körper fühlt sich an, als würde er in Flammen stehen und auf ihrer Haut erscheinen seltsame Symbole, die sich tief in ihre Arme und ihren Hals brennen. Der Schmerz ist so überwältigend, dass sie sich wie im Fieberkrampf auf dem Bett hin und her wälzt und ihren Schmerz in die Welt hinaus schreit. 


Dann ist es vorbei.


So plötzlich, wie der Schmerz gekommen war, ist er auch schon wieder verschwunden. Nun liegt statt der Flammen etwas kühles auf ihrer Brust. Sie greift danach und hält plötzlich ein silbernes Kreuz in ihren Händen und als sie es eingehend betrachtet, schießen zwei blaue Blitze daraus hervor und werden zu den zwei Schädeln, die sie schon aus ihrem Traum kennt. Die Schädel grinsen sie an, während es ihr die Sprache verschlägt und Loco fährt mit den Erklärungen fort, die er im Traum begonnen hat: „Ja, mein Kind, es war nicht nur ein Traum. Die Loa existieren wirklich und sie stehen dir nun zur Verfügung.“  „Wa-wa-was ist hier los?“ Verängstigt drückt sich Oyá von den beiden weg und hält ihr Kissen wie einen Schild vor sich her. Sobo lässt sein trockenes Lachen erklingen und fährt mit den Gedanken seines älteren Bruders fort. „Vielleicht hätten wir dir ja auch noch sagen sollen, dass du gebrandmarkt wirst, damit du den Kontakt zu uns herstellen kannst.“ Dann spricht wieder Loco weiter: „Als Zeichen dafür, dass deine Seele den Loa gehört, trägst du nun das Zeichen eines jedes einzelnen auf deiner Haut. Und damit kannst du uns dann auch rufen.“ „Doch sei dir eines bewusst“, übernimmt Sobo wieder das Wort: „Unsere Kraft hat seinen Preis. Jedes Mal, wenn du einen von uns rufst, wird deine Seele ein wenig geschwächt und dein Leben ein wenig verkürzt werden. Überlege dir also gut, wann du uns rufst.“ „Genau, und du musst einfach nur an uns denken und schon erscheinen wir.“ beendet Loco die Erklärungen der beiden Geisterwesen, bevor sie sich wieder in blaue Flammen verwandeln und in dem silbernen Kreuz verschwinden.


Bevor das Mädchen darüber nachdenken kann, was eben geschehen ist, öffnet sich die Tür und ein aufgelöster Pakka baut sich vor ihr auf. Er ist über und über mit Blut besudelt und der Wahnsinn zeichnet sich in seinem Gesicht ab, als er mit halb erstickter Stimme spricht: „Nuka... sie ist.. sie wurde...“ Er verstummt und sieht das Mädchen mit aufgerissenen Augen an: „Nein, nicht du auch noch!“ schreit er: „NEIN! Das kann nicht sein!“ und sackt auf die Knie. Oyá steht von ihrem Bett auf und läuft zu ihrem Ziehvater. Sie will ihn fragen, was denn los sei und warum überall an seinem Körper Blut klebt, doch er schlägt ihre Hand weg, eh sie ihn berühren kann. „Wie konntest du das nur tun?!“ faucht er sie an: „Wie konntest du deine Seele nur an die Götter verkaufen?!“ Das Mädchen versteht nicht, was er damit meint und wieder stehen ihr die Tränen in den Augen. „Aber Pakka, wovon sprichst du?“ Die Stimme des alten Mannes bricht und er flüstert leise: „Auch deine Freundin hat ihre Seele verkauft und um den Vertrag zu erfüllen, musste sie... musste sie...“ Die Worte des Hexenmeisters gehen in ein leises und lethargisches Schluchzen über. Oyá legt ihre Hand auf seine Schulter und schüttelt ihn. „Pakka, was musste sie?“ Und wieder schlägt er ihre Hand zur Seite. Doch dieses Mal brüllt er ihr seine Antwort ins Gesicht: „Sie ist tot! Nuka ist tot! Magrid wurde gezwungen ihre Mutter zu töten! Ich habe versucht ihre Seele zu retten, aber ich kam zu spät und als Nuka mir helfen wollte, wurde sie vor meinen Augen in Stücke gerissen!“ Entsetzt weicht das Mädchen zurück. „Was redest du da? Nein, das kann nicht sein...“ Und läuft, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, an ihrem Ziehvater vorbei und zu dem Haus ihrer ehemaligen besten Freundin.


Schweißnass und keuchend steht Oyá nur wenige Minuten später in der offenen Eingangstür und betritt das ehemals herrliche Anwesen. In den Zimmern und auf dem Flur liegen die Möbel zerstückelt herum, die Wände sind mit Blut verschmiert und sie traut sich kaum weiter zu gehen. Doch die Sorge um ihre Freundin ist größer als ihre Furcht und so kämpft sie sich durch die chaotische Mischung aus Holz, Stoff und Blut. Im Zimmer Magrids angekommen stockt ihr der Atem. Nuka liegt in ihrem eigenen Blut auf dem Boden, ihre Innereien sind wüst aus dem Körper gerissen und in der Gegend verteilt wurden und sie blickte Oyá mit leblosen Augen an. Daneben steht Magrid und grinst, als könnte sie kein Wässerchen trüben. „Oh, hallo Oyá, lange nicht gesehen, alte Freundin.“ Ein finsteres Lachen verlässt die Kehle des blutüberströmten Mädchens, ihre Augen werden schwarz und blaue Flammen umhüllen ihre Pupillen. Bedrohlich flüstert sie: „Schade, das du das beste schon verpasst hast.“ Sie zeigt auf den leblosen Körper am Boden. „Oh, du hättest sehen sollen, wie die Geister sie zerrissen haben. Es war wunderschön.“ Magrid fährt sich mit der Hand übers Gesicht und wischt sich das Blut ihrer Ziehmutter an der Wange ab. Ihr Lächeln verzieht sich zu einer furchteinflößenden Fratze, sie springt auf Oyá zu, drückt sie brutal an die Wand und flüstert in ihr Ohr. „Und das werde ich mit jedem machen, der es wagt sich mir in den Weg zu stellen. Ja, oh ja, und dann werde ich die Grausamkeit, die ich erfahren musste, an jeden einzelnen Menschen zurück geben. Sie alle werden meine Rache zu spüren bekommen und meine Rache wird kalt und grausam sein.“ Die Brutalität ihrer Freundin und die Traurigkeit in ihrem Herzen lassen das junge Mädchen verstummen und so ist es Magrid, die weiter erzählt: „Oh, keine Sorge alte Freundin, dir werde ich nichts tun. Aber willst du nicht mit mir gehen? Zusammen könnten wir sicherlich viel Spaß miteinander haben.“ Doch statt einer Antwort, presst Oyá nur wütend zwischen den Zähnen hervor: „Du hast die Frau getötet, die dich liebevoll aufgenommen hat und wie eine Mutter für dich gewesen ist. Warum?“ „Sie war nicht meine Mutter!“ brüllt Magrid ihre Gefangene an. „Meine Mutter wurde kaltblütig ermordet und dann wurde mir dieses Miststück aufgezwungen, obwohl ich sie nie akzeptiert habe! Und jetzt ist sie dort, wo sie schon seit neun Jahren sein sollte! Sie hätte sterben sollen und nicht meine Mutter!“ Oyá hört ihr schon nicht mehr zu. Die Wut vernebelt ihren Geist und blaue Flammen umhüllen ihren Körper. Magrid stößt einen Schrei aus, lässt von ihr ab und springt zurück. „Ich werde nicht zulassen, dass du noch mehr Menschen verletzt!“ schreit Oyá ihre alte Freundin an und macht sich zum Angriff bereit. „Das werden wir noch sehen,“ brüllt Magrid zurück und hüllt sich ebenso in blaue Flammen. „aber nicht heute. Ich muss meine Kräfte erst wieder sammeln.“ Dann verschwindet sie in dem magischem Feuer und lässt Oyá mit dem leblosen Körper Nukas zurück.


Das Mädchen lässt sich an der Wand zu Boden rutschen und blickt fassungslos in die leeren Augen des Leichnams. Abermals steigen ihr Tränen in die Augen und sie hämmert wütend auf den Boden. „Warum, ihr Götter, warum?!“ brüllt sie in den Himmel, doch erhält keine Antwort. Sie legt ihren Kopf auf die Knie und lässt ihren Tränen freien Lauf.


Erneut vergehen die Stunden. Die Sonne ist schon vor langer Zeit untergegangen und der volle Mond hat ihren Platz eingenommen. Fahl scheint sein Licht durch die blutverschmierten Fenster und verhüllt das Zimmer mit seinem glanzlosen Schein. Oyá hebt ihren Kopf, klopft auf das silberne Kreuz und die beiden blau flammenden Schädel erscheinen. Sobo sieht sich um und gibt ein erfreut zynisches „Uii, hier war aber was los.“ von sich. Loco schüttelt seinen Schädel und kommentiert: „Das war jetzt aber nicht sehr sensibel.“ Sein Bruder lacht, aber verstummt, als er den leblosen Ausdruck in dem Gesicht des Mädchens erblickt. „Kann ich auch mit den Toten sprechen, Loco?“ will Oyá wissen und die beiden Schädel schauen erst sich an und nicken ihr dann zu. „Ja.“ antwortet der Ältere: „Du musst ihnen dazu mit ihrem Blut das Symbol Papa Legbas auf die Stirn malen.“ 


Das Mädchen kriecht auf die Überreste Nukas zu, taucht ihren Finger in das schon zum Teil geronnen Blut und malt der armen Seele das Zeichen auf die Stirn. Das Symbol leuchtet kurz auf, bevor sich der Kopf der Frau bewegt und sie ihre milchig trüben Augen öffnet. Dann spricht sie mit einer Stimme, die nicht einmal mehr ansatzweise menschlich klingt: „Oyá, mein Kind, was möchtest du von mir?“ Blut fließt ihr beim Sprechen aus dem Mund. „Ich möchte wissen, was in den letzten zwei Jahren passiert ist. Was ist mit Magrid geschehen?“ „Ich weiß es nicht, mein Kind. Sie hat immer mehr den Bezug zur Realität verloren. Sie aß nicht mehr, sprach nicht mehr. Ich bin nicht mehr an sie heran gekommen.“ Abermals verlässt ein Schwall Blut den Mund der Toten und rote Tränen fließen aus den weißen Augen. „Es tut so weh. Bitte lass mich wieder gehen. Ich kann dir nicht mehr sagen.“ Sobo fliegt an Oyá heran und spricht: „Wenn du die Toten wieder ins Leben zurück holst, verspüren sie den Schmerz, der ihnen zugefügt wurde, als sie noch am Leben waren.“ Sie hat noch so viele Fragen, doch Oyá sieht, wie sehr der Geist Nukas leidet und darum fragt sie Sobo: „Wie schicke ich sie wieder zurück?“ Doch Loco ist schneller und antwortet ihr stattdessen: „Du musst einfach nur wieder das Zeichen von ihrer Stirn entfernen.“ Das Mädchen tut, wie ihr geheißen wurde und wischt mit dem Finger durch das blutige Mal. „Danke.“ haucht die Seele Nukas, bevor ihr Körper wieder in den ewigen Schlaf fällt. Und das Mädchen flüstert: „Ich hoffe, du findest deinen Frieden auf der anderen Seite.“ Dann verschließt sie die Augen der Ermordeten.


Sobo Kessou und sein Bruder Loco verschwinden wieder in dem silbernen Kreuz. Oyá steht mit zitternden Beinen auf, verlässt das blutverschmierte Anwesen und bricht erschöpft vor der Tür wieder zusammen.


Als sie wieder zu sich kommt, steht die Sonne bereits über den Wipfeln des tropischen Waldes. Sie drückt sich vom Boden ab und versucht wieder auf die Beine zu kommen. Sie hofft, dass das alles nur ein Traum war, aber der Anblick des blutigen Flures belehrt sie eines Besseren. Irgendwie schwach auf den Beiden macht sie sich auf den Weg zu ihrem Zuhause. Dort angekommen öffnet sie die Tür und ruft nach ihrem Ziehvater, doch erhält keine Antwort. Sie geht weiter, an der Treppe vorbei und in den großen Salon hinein, der als Wohnzimmer dient und ruft erneut seinen Namen. „Pakka, bist du da?“ Doch abermals erhält sie keine Antwort. Sie durchquert das Zimmer, umrundet den Sessel, der mit der Lehne zu ihr stand und dort sitzt ihr Ziehvater. In der Hand hält er seine Pfeife so fest, dass die Knöchel schon weiß hervor stehen, während sich seine andere Hand in das Polster des Sessels krallt. Leere Augen blicken ihr entgegen, als sie ihn anspricht: „Vater, geht es dir gut?“ Pakka nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und antwortet dann monoton und ruhig: „Ich möchte, dass du gehst und nie wieder dieses Haus betrittst.“ Seine Worte irritieren sie. „Was? Aber, warum....?“ Plötzlich springt der alte Mann aus seinem Sessel empor und in seinen Augen lodern Wut und Wahnsinn, als er sie anbrüllt: „Ich habe gesagt RAUS! Verschwinde! Und komm nie wieder hier her zurück!“ Voller Wut wirft er ihr seine Pfeife an den Kopf und die heiße Asche verteilt sich in dem Gesicht des Mädchens. Vor Schmerz drückt sie ihre Hände auf die verbrannte Haut.  „Sieh zu, dass du Land gewinnst. Du bist genauso verflucht, wie deine Freundin und ich will mit dir nichts mehr zu tun haben!“ Oyá versteht nicht. Sie nimmt die Hände vom Gesicht und will ihren Ziehvater umarmen, doch der schlägt ihre Hände zur Seite und weicht vor ihr zurück. „Hau endlich ab!“ zu tiefst verletzt rennt das Mädchen aus dem Haus, ohne zu wissen, wohin sie nun gehen soll. Sie bleibt stehen und sieht noch einmal zum Haus zurück, doch Pakka ist ihr gefolgt und knallt wortlos die Haustür zu. 


Sie weiß, dass es keinen Sinn mehr macht zurück gehen zu wollen. Sie weiß, wie stur er ist. Sie ist jetzt wieder allein und auf sich gestellt und so läuft sie in Richtung Stadt, ohne zu wissen, wohin ihre Reise sie nun führen wird...

Fotograf

Stanislav Istratov

www.flexdreams.com

Model

Katrin Lanfire

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Bild & Text

Denis 'Raven' Fischer

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www.corvus-ars.de

Lektorat Dark Xperience

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