Der Wanderer (Teil 3) - Ensis Story

Nassau, 1717


Es ist eine kühle und dunkle Nacht, in der die Möwen am Himmel kreisen und ihre Lieder krächzen. Trotz der vorangeschrittenen Uhrzeit tummeln sich auf den nächtlichen Straßen noch allerlei finstere Gesellen. Die meisten unter ihnen sind wahrscheinlich Piraten, die monatelang auf See waren und heute das erste Mal wieder einen Fuß in ihre Heimatstadt setzen, um ausgelassen ihre Beute in den Bordellen und Spelunken der Stadt zu verpulvern. Lautstark ertönen ihre Lieder aus den mit Fackeln beleuchteten Tavernen. Überall wird gejohlt, getrunken und gelacht.


Nur eine Kleinigkeit will nicht so recht in das Bild passen.


Eine junge Frau läuft durch die schmutzigen Straßen und wirft dabei einige Männer und Frauen um. Sie wird von drei finster dreinblickenden Männer verfolgt, die wohl jeder auf den ersten Blick als Piraten identifizieren würde. Einer schreit ihr zu: "Bleib stehen, du Miststück!", doch erntet er nur ein höhnisches Lachen von ihr. Eine weiße Krähe begleitet die junge Frau und krächzt: "Ensis, war es jetzt wirklich nötig ihnen ihre hart erarbeitete Beute wieder abzunehmen und dich damit erneut in Schwierigkeiten zu bringen?" Schon halb außer Atem antwortet die Diebin: "Ach Sollers, dass du auch wirklich jedes Mal deine Bedenken kund tun musst. Ich weiß, dass du klug bist und älter als so mancher Baum, aber manchmal muss man eben auch ein Risiko auf sich nehmen, um Erfolg zu haben. Und jetzt hör auf, dir Sorgen zu machen. Irgendwie werden wir es auch dieses Mal schaffen." Ensis holte einmal tief Luft und fügte dann noch hinzu: "Und schließlich brauchen wir auch mal wieder eine anständige Mahlzeit und dieser Raubzug schien mir der beste Ausweg zu sein." Kopfschüttelnd gibt die Krähe nur ein leises, seufzendes Krächzen von sich. Ensis grinst.


Doch das Grinsen vergeht ihr schnell, als sie einen Blick nach hinten wirft und noch immer die fluchenden Piraten sieht, die ihnen bedrohlich näher kommen. In ihrer Panik ändert sie abrupt die Richtung und biegt, in der Hoffnung ihre Verfolger abschütteln zu können, in eine schmale Seitengasse ein. Zu ihrem Pech hat sich dort jedoch bereits ein weiterer Schläger positioniert, der ihr auflauert und versucht nach ihrem Hals zu schnappen. Geistesgegenwärtig beugt sie sich nach vorne, um unter seiner Attacke hindurch zu tauchen und so an ihm vorbei zu kommen. Ein winziger Moment der Schadenfreude zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, als der breit gebaute Kerl fluchend ins Leere fasst, doch so schnell wie es kam, vergeht es ihr auch wieder. Im letzten Augenblick bekommt der Pirat ihre blonden Haare zu fassen und reißt ihren Kopf brutal nach hinten. Ein lauter Schrei entweicht ihrer Kehle, doch der Schläger lacht nur und zieht sie an sich heran. "So, du kleines diebisches Miststück, jetzt werden wir viel Spaß..." Weiter kommt er nicht, denn Sollers mischt sich ein und hackt ihm mit seinem scharfen Schnabel das linke Auge aus. Vor Schmerz lässt er seine Gefangene wieder frei und drückt schreiend seine Hand auf die leere Augenhöhle. Ensis verpasst ihm einen harten Tritt zwischen die Beine. „Das war für meine Haare!“ Dann ergreift sie wieder die Flucht, bevor die anderen drei sie erreichen. Kopfschüttelnd gibt die weiße Krähe ihren Kommentar ab: „Das war jetzt aber wirklich nicht mehr nötig, Ensis. War er denn nicht schon genug gestraft mit dem Auge, das ich ihm genommen habe?“ Die Diebin quittiert seine Frage mit einem verächtlichen Grinsen.


Ein paar Seitenstraßen und etliche Haken später haben die drei Piraten ihre Verfolgung aufgegeben und Ensis betritt den Hafen der karibischen Stadt. Der frühe Morgen ist ihre liebste Tageszeit und sein Anblick verschlägt ihr jedes Mal aufs Neue den Atem. Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne haben das Meer bereits wie ein rotes Tuch eingefärbt und sind nun dabei auch den schwebenden Inseln und Felsen, die wie Säulen aus dem Wasser steigen, ihre strahlende Farbe zu verpassen. Aber das, was sie am meisten am morgendlichen Hafen liebt, ist der Anblick der fliegenden Schiffe, die erst seit gut zwei Jahren die Weltmeere durchkreuzen.


Sie erinnert sich an die Zeitungen, die damals überall herum lagen und die reißerischen Schlagzeilen, in denen von einem äußerst gescheitem Wissenschaftler die Rede war, der herausgefunden hat, dass auch herausgebrochene Felsstücke in der Lage waren zu schweben. Das hatte dem König so sehr gefallen, dass er weitere Forschungen in Auftrag gegeben hatte und besagtem Wissenschaftler war es bereits kurze Zeit später gelungen, eine Maschine zu entwickeln, die die natürliche Schwebekraft der Steine verstärken konnte. Diese Maschinen bilden seither das Herzstück aller Flugschiffe. Sie hatte damals noch nicht verstanden, was die Leute damit meinten, aber sie konnte sich noch lebhaft daran erinnern, wie es war, als die Piraten von dieser Geschichte Wind bekommen hatten. Im Auftrag Henry Everys, dem König der Piraten, hatten sie und die Crew nämlich solch eine Maschine gestohlen.


Tränen laufen ihr übers Gesicht, als sie an ihren Vater denken muss. Ihrem Vater, dem Piratenkönig, der heimtückisch von Blackbeard ermordet wurde. Sollers bemerkt ihre Tränen und krächzt: „Was ist los?“ „Nichts.“ antwortet Ensis und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Nur Erinnerungen.“ Die weiße Krähe versteht und versucht sie etwas aufzumuntern: „Wir schaffen das schon.“


Sie tritt aus dem Schatten und lässt das wärmende Licht der Morgensonne ihr Gesicht liebkosen. Dann öffnet sie den kleinen, roten Beutel, um ihre Beute zu begutachten. Ein Pfiff des Erstaunens entweicht ihren zart geschwungenen Lippen, als sie in den Leinenbeutel schaut und unzählige Diamanten, Rubine und Goldmünzen darin erblickt. Sie will gerade hinein greifen und eines der Stücke näher unter die Lupe nehmen, als eine Hand auf ihrer Schulter sie aus ihren morgendlichen Tagträumen reißt. Erschrocken entgleitet ihr der Beutel und landet klimpernd auf dem Boden, wo sich sein Inhalt wild verteilt. „Haben die Piraten mich jetzt doch noch eingeholt?“ denkt sie sich, greift nach dem Dolch in ihrem Gürtel und dreht sich blitzschnell in die Richtung ihres vermeintlichen Angreifers um. Doch wie überrascht ist die Diebin, als sie nicht in das sonnengegerbte Gesicht eines Piraten blickt, sondern in die feinen Züge einer hübschen Frau mit blondem Haar. Jene hebt abwehrend ihre Hände und spricht: „Es tut mir leid. Es lag nicht in meiner Absicht, euch zu erschrecken oder mich zwischen euch und eurem Schatz zu stellen. Aber wärt ihr so freundlich, mir zu verraten, wo ich mich befinde und welches Jahr wir haben?“ Verwundert mustert Ensis die fremdartig gekleidete Frau, bevor sie antwortet: „Nun, ihr befindet euch in Nassau und wir schreiben das Jahr 1717, aber...“ Bevor die Diebin weiter sprechen kann, fällt ihr die Frau ins Wort: „Verdammt, ich habe das falsche Jahr erwischt.“ „Wie meinen?“ Die Verwunderung Ensis' nimmt noch weiter zu, jedoch geht die seltsam Gekleidete nicht auf ihre Aussagen ein. Stattdessen fährt sie fort: „Naja, wie dem auch sei, ich spüre, dass du eine große Last mit dir herum trägst und ich könnte dich davon befreien.“ Ensis lacht spöttisch. „Aber das haben sie doch bereits getan.“, meint sie und deutet auf die wild am Boden liegenden Kostbarkeiten. Die Blonde sieht sich die Bescherung nur kurz an, schnippst dann mit den Fingern, während sie mit ihren glühenden Augen in das Gesicht der Diebin blickt und als hätte sie Leben in die Münzen und Steine gehaucht, beginnen diese zurück in den Beutel zu rollen.


Nachdem auch der letzte Edelstein seinen ursprünglichen Platz eingenommen hat, verschließt sich der Beutel wie von selbst und schwebt in die Hand der Zauberin. Völlig verdutzt verfolgt Ensis das seltsame Schauspiel, doch bevor sie etwas dazu sagen kann, vernimmt sie die krächzende Stimme ihres Gefährten, der von einem Dach aus das Geschehen beobachtet hatte und nun zu ihr zurück fliegt, um es sich auf ihrer Schulter gemütlich zu machen. „Ich will ja eure Plauderei nicht unterbrechen, aber ich würde dir raten deine Beute zu nehmen und dann zu verschwinden. Diese Alte ist mir nicht geheuer.“ Die Angesprochene lacht nur, während die weiße Krähe sie misstrauisch im Auge behält und drückt Ensis den gestohlenen Beutel zurück in die Hand. „Oh, ich bin keineswegs böse, aber trotzdem habe ich es versäumt mich vorzustellen.“ Die Blonde verbeugt sich galant und spricht weiter: „Mein Name ist Vates und ich bin eine Hellseherin, die immer auf der Suche nach Menschen ist, die meine Hilfe gebrauchen können.“ „Wie sieht denn die Hilfe aus?“ fragt die Diebin, bevor Sollers seinen nächsten sarkastischen Kommentar abgeben kann, doch statt einer Antwort erhält sie nur das Grinsen der Alten, die ein weiteres Mal mit den Fingern schnippt und plötzlich einen Stapel silberner Tarotkarten in den Händen hält. „Meine Karten werden dir deinen größten Herzenswunsch erfüllen.“ Ein glitzerndes Funkeln macht sich in den braunen Augen der Jugendlichen breit. „Ich habe einen Wunsch, den ich schon sehr lange hege und zwar...“ Die Zauberin legt ihr den Zeigefinger auf die Lippen und gebietet ihr Schweigen. „Du musst deinen Wunsch nicht aussprechen. Meine Karten wissen ihn bereits.“


„Ensis, ich weiß, dass es dich nervt, wenn ich so altklug vor mich hin spreche, aber mein Instinkt sagt mir, dass hier irgendwas faul ist und wir zusehen sollten, dass wir Land gewinnen.“ meldet Sollers seine Bedenken an. „Niemand tut etwas aus reinster Nächstenliebe oder verlangt keine Gegenleistung.“ Ein weiteres spitzes Lachen verlässt den Mund der grauen Hexe. „Oh, aber natürlich verlange ich eine Gegenleistung. Aber die ist so gering, dass ihr euch darüber keine unnötigen Gedanken machen müsst.“


Doch Ensis, die in Gedanken nur bei ihrem Vater und der Rache ist, nach der sie sich schon so lange sehnt und dem Zwiegespräch der Beiden nur mit einem halben Ohr folgt, murmelt grinsend: „Okay, ich möchte meinen Wunsch erfüllt haben.“ Kaum hat sie ihre Worte ausgesprochen, und noch ehe Sollers weitere Einwände dazwischen werfen kann, verlässt eine der silbernen Karten die Hand der Hexe und kommt auf sie zugeflogen. Auf dieser sind zwei gekreuzte Schwerter zu sehen und ihr Name steht in schwarz geschriebenen Lettern darunter. Sie will wieder das Wort an die Zauberin richten, doch jene hat sich scheinbar in Luft aufgelöst und befindet sich nicht mehr an der Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte. Wieder ist es Sollers, der das Wort ergreift: „Wenn du mich fragst, dann war das ein großer Fehler, den du sicherlich früher oder später noch bereuen wirst.“ Sie will ihm gerade einen intelligenten Konter an den gefiederten Kopf werfen, als sich die Karte zuerst in ein strahlend weißes Licht und dann in eine goldene Halskrause verwandelt, dessen Mitte ein herzförmiger Smaragd ziert. „Was ist denn das?“ flüstert sie und betrachtet argwöhnisch den glänzenden Gegenstand in ihren Händen. Ohne weiter darüber nachzudenken, führt sie das Schmuckstück an ihren Hals und noch ehe Sollers eingreifen kann, legt sich die Krause auf magische Weise um den Selbigen. Für einen kleinen Moment schneidet es ihr die Luft zum Atmen ab, doch spürt sie nur Sekundenbruchteile später eine undefinierbare Macht in ihrem Blut zirkulieren.


Doch nichts geschieht.


Verwundert blickt sie ihren Gefährten an, doch der krächzt nur schulterzuckend. Sie berührt den grünen Edelstein und versucht die Halskrause wieder abzunehmen, doch auch das gelingt ihr nicht. „Hat mich die Hellseherin etwa herein gelegt?“ Sie überlegt wie die Karte ausgesehen hatte und murmelt: „Aber es waren doch zwei Schwerter auf dem Bild zu sehen?“ Als wäre das das Signal, erstrahlt der Smaragd und zwei Schwerter tauchen schwebend vor ihr auf. Als wären sie mit Leben erfüllt, tanzen die Klingen vor und um ihren Körper herum und auf dem Ricasso tragen beide Schwerter den selben Smaragd, der auch auf ihrer Halskrause zu sehen ist. Verdutzt und neugierig schaut sie dem Treiben eine Weile zu, bevor sie vorsichtig eine der beiden Klingen berührt. Ein sanftes Glimmen breitet sich, ausgehend von ihrer Berührung, auf der ganzen Klinge aus. „Na toll, ganz große Show. Jetzt hast du dein Leben für zwei schwebende Schwerter aufs Spiel gesetzt.“ kommentiert Sollers zynisch das Geschehen, doch Ensis ignoriert seinen bissigen Kommentar. Sie konzentriert sich nur auf die beiden tanzenden Stahlschwerter vor ihren Augen und denkt an Blackbeard zurück. Zurück zu jenem Augenblick, als sich dessen Klinge heimtückisch in das Fleisch ihres Vaters bohrte und sie hilflos alles mit ansehen musste.


Eine unsägliche Wut sammelt sich in ihren Gedanken und so schnell, dass die Piratentochter nicht einmal sehen kann was geschieht, rasen die beiden magischen Klingen davon und zerlegen die achtlos am Straßenrand liegenden Pulverfässer in tausend kleine Stücke. Erstaunt über diese Präzision und Geschwindigkeit lässt sie einen Pfiff der Bewunderung ertönen und auch Sollers, der sonst an allem etwas auszusetzen hat, kann ihr nur krächzend zustimmen.


Die Schwerter verschwinden so plötzlich im Nichts, wie sie erschienen sind und Ensis denkt darüber nach, wie der Trick wohl funktioniert. Mehr zu sich selbst, als zu ihrem Begleiter, spricht sie: „Vielleicht muss ich nur daran denken?“ Sie stellt sich zuerst eine Axt vor, dann ein Entermesser und zu guter Letzt ein weiteres Mal die beiden Smaragd verzierten Klingen und bei jedem Gedanken manifestieren sich die gewünschten Waffen sofort. Mit einem breitem Grinsen blickt sie ihren Gefährten an und meint fröhlich: „Wie es aussieht hat mir die Alte doch ein äußerst wertvolles Geschenk anvertraut.“ „Ich will es hoffen.“ antwortet der weiß Gefiederte missmutig, denn er ist weniger von dem Geschenk der Hexe angetan. „Du bist ein alter Miesepeter, Sollers.“ wirft die Diebin ihrem Freund an den Schnabel und lässt ein herzhaftes Lachen erklingen. „Zumindest bin ich nicht so unvorsichtig.“ erwidert er und schwingt sich beleidigt in die Lüfte.


Der Morgen ist nun endgültig angebrochen und flutet den Hafen mit seinem warmem Licht. Die Läden öffnen ihre Pforten und machen Platz für die alltäglichen Menschenmassen. Es ist ein friedliches Bild, dass sich der Piratentochter bietet. Die Frauen, die sich über den neusten Klatsch und Tratsch unterhalten, die Männer, die ihre Boote besteigen, um ihrer Arbeit als Fischer nachzugehen und die Jungen, die ausgelassen aus den Häusern stürmen, um gemeinsam zu spielen. „Am Tag verschwindet die hässliche Fratze dieser Stadt und zeigt eine Welt, wie sie schöner kaum sein könnte.“ schießt es Ensis durch den Kopf. Sie beobachtet eine Gruppe spielender Kinder und denkt an ihre eigene Kindheit zurück. An ihren Vater, der sie immer auf den Schoß nahm, wenn er von einer seiner langen Reisen heim gekehrt war. An die Abenteuer, von denen er ihr stets berichtete. Und an die Mutter, die bei ihrer Geburt verstarb und die sie deshalb nie kennen lernen durfte.


Ein kleines Spielzeugschiff landet direkt neben ihren Füßen und reißt sie sanft aus ihren Tagträumen. Noch bevor die ihr vertraute Stimme ihren Namen rufen kann, weiß sie bereits, wem dieses Spielzeug gehört, denn sie hat es selbst für ihn gebaut. „Joseph, altes Schlitzohr“, begrüßt sie den pausbäckigen und grinsenden Jungen übermütig und schnappt sich das kleine Modell: „Was machst du denn so früh schon hier draußen?“ „Ich wollte deine Erfindung ausprobieren.“ antwortet der Knabe vergnügt und fügt noch hinzu: „Ausnahmsweise funktioniert sie mal ohne Probleme...“ „Hey, sag doch so etwas nicht.“ gibt sie ihm gespielt beleidigt zurück: „Du weißt doch, dass so etwas Unglück bringt.“ Sie schnappt sich den etwa zehnjährigen Jungen, nimmt ihn in den Schwitzkasten und rubbelt mit der Faust durch sein aschblondes Haar. „Sei froh, dass es nicht schon wie die anderen Entwürfe explodiert ist.“ Joseph befreit sich lachend aus ihrem Griff und sein kindliches Lachen ist es, was die trüben Gedanken letztendlich aus ihrem Schädel vertreibt.


„Na sieh mal einer an“ meldet sich nun auch Sollers wieder zu Wort: „Der Junge scheint heute ja mal richtig gute Laune zu haben.“ Dann lässt sich die weiße Krähe erneut auf der Schulter seiner Freundin nieder. Ensis will ihn gerade fragen, ob er sich endlich wieder beruhigt hätte, aber überlegt es sich noch einmal anders. Es wäre nicht nett, jetzt noch Öl ins Feuer ihrer Freundschaft zu gießen. Sie weiß ja, dass der alte Krächzer sich nur Sorgen macht. Stattdessen ist es der junge Bursche, der das Wort ergreift: „Schade, dass ich deinen Freund nicht verstehen kann. Was hat er denn gesagt?“ Die Piratentochter lächelt ihn an. „Er freut sich, dass du auch mal gut gelaunt und nicht mehr so ein Trauerkloß bist, wie in den letzten Tagen.“ Mit einem Augenzwinkern gibt sie ihm sein Spielzeugschiff zurück.


Plötzlich ertönt aus der Ferne die gebieterische und kräftige Stimme einer Frau mittleren Alters. „Joseph! Komm sofort nach Hause. Dein Vater wird jeden Moment heimkehren!“ Schlagartig verschwindet die Fröhlichkeit aus dem Gesicht des blonden Jungen. „Ihr habt sie gehört. Ich muss gehen.“ Schnell verabschiedet er sich von dem ungleichen Paar und rennt nach Hause. „Ich hoffe für ihn, dass sein Vater heute nicht wieder zu betrunken ist.“ spricht die Diebin leise und Sollers knüpft an ihre Aussage an: „Apropos 'nach Hause'... Wir sollten auch zusehen, dass wir wieder nach Hause kommen.“ Erschrocken blickt Ensis ihren gefiederten Gefährten an. „Verdammt, du hast Recht. Das gibt bestimmt wieder Ärger.“


Nach einer guten Viertelstunde haben die Piratentochter und ihr geflügelter Begleiter schnaufend das alte Backsteinhaus erreicht, in dem sie leben und arbeiten. Die weiße Farbe blättert bereits von der Fassade und auch das große runde Holzschild, auf dem » Antiquitäten aus der ganzen Welt « steht, ist schon hier und da verblasst. „Der gute, alte Edward wird sich bestimmt wieder furchtbar aufregen.“ spricht sie seufzend zu Sollers. „Aber ich kann es ihm ja nicht verübeln. Er macht sich ja auch nur Sorgen um mich.“ Sie fasst den Griff der Ladentür und versinkt für einen weiteren Moment in der Vergangenheit.


Ihre Gedanken kreisen zu der etwas jüngeren Version Edward Tailes. Damals, als er noch Steuermann auf dem Schiff und ein guter Freund ihres Vaters war. Wie auch er hilflos dessen Ermordung und die anschließende Machtübernahme durch die feige Hand Blackbeards miterleben musste. Und die Demütigung, die dieser Schuft in Planung hatte, in dem er sie, die Tochter des gefallenen Piratenkönigs, ehelichen wollte. Doch dazu sollte es glücklicherweise nicht kommen. Edward hatte sie mit Hilfe der verbliebenen Besatzung aus den Klauen dieses Bastards befreien können. In einer mondlosen Nacht, als Blackbeard mit dem Großteil seiner Crew auf Beutezug gewesen war, hatten sie seine Festung infiltriert, sämtliche Wachen ermordet und sie letztendlich befreit. Doch Blackbeard schwor ihnen blutige Rache und ließ verkünden, dass er sämtliche ehemalige Anhänger finden und öffentlich hinrichten werde.


Sie mussten fliehen, sich wie Feiglinge verstecken und sowohl ihre Namen, als auch ihr Aussehen verändern. Früher trug sie langes, strahlend blondes Haar, doch das war mittlerweile strohgelben Dreadlocks gewichen. Auch ließ sie ihr Gesicht und ihren Körper tätowieren. Eine Tatsache, über die besonders Edward nicht sonderlich glücklich gewesen zu sein schien, doch Ensis wollte unbedingt Erinnerungen an ihren verstorbenen Vater auf der Haut tragen. Und auch der alte Seebär ließ einige Veränderungen über sich ergehen. Dort wo zum Beispiel früher lange schwarze Haare im salzigen Wind der See wehten, befand sich heutzutage nur noch eine glattrasierte Glatze. Und aus Solidaritätsgründen und um sein Aussehen so radikal wie nur irgendwie möglich zu verändern, ließ er auch er sein Gesicht mit diversen Tattoos verzieren.


Sie war gerade einmal fünfzehn Jahre alt, als Edward sie in seine Obhut nahm und sich, so gut er konnte, um sie kümmerte. Er eröffnete hier in Nassau sein Antiquitäten-Geschäft und verkauft seither allerlei Plunder aus den sieben Weltmeeren an den meistbietenden Liebhaber. Meisten schaffen sie es auch über die Runden zu kommen, aber man merkt ihm doch an, dass ihm das Ganze keinen Spaß macht. Man merkt, dass er wieder hinter dem Steuer eines Schiffes stehen will. Am liebsten hinter dem Steuer der Siren, dem Schiff, das einst ihrem Vater gehört hatte und das nun gezwungen ist unter der schwarzen Flagge Blackbeards die Meere unsicher zu machen.


„Ach ja, die Siren...“ seufzt die Piratentochter. Schon seit längerer Zeit plant sie die Rückeroberung dieses wundervollen und einzigartigen Schiffes. Nur der Gedanke, dass sich dieser Mistkerl von Blackbeard mit seiner schäbigen Seele auf ihrem Prunkstück von Schiff aufhielt, bringt das Blut in ihrem Körper zum Kochen.


Sie seufzt ein weiteres Mal und öffnet dann die Tür des Ladens, in dem sie als erstes von der grünen Meerjungfrau aus Jade begrüßt wird, die sie stets erschreckt. Sie wird sich wohl nie an den abscheulich grotesken Anblick gewöhnen können, den diese Statue allein mit ihrer Anwesenheit ausstrahlt. Im Inneren sieht das Haus nur unwesentlich besser aus als Außen. Die selben bleichen Kalkwände, der selbe grünliche Schimmel. Überall stehen Regale herum, die vor Statuen, Plunder, alten Schriftrollen und angeblichen Schatzkarten nur so überquellen. Ensis vernimmt ein Poltern und Fluchen aus dem hinteren Teil des Raumes und ruft: „Edward?“ Prompt kommt die Antwort des fluchenden Seebären zurück: „Enni, bist du das? Warte, ich komme gleich zu dir nach vorne.“


Minuten vergehen, in denen sich Edward polternd und fluchend über den angesammelten Ramsch hermacht. „Wahrscheinlich sucht er etwas und bei seiner Suche hat er scheinbar schon die ein oder andere Antiquität zu Kleinholz verarbeitet.“ denkt sich die Piratentochter, als ihr Ziehvater endlich aus seiner Ecke hervor tritt. Ein Schweißfilm überzieht seinen kahlen Schädel und in Ensis Augen sieht er aus wie eine Katze, der man eben einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet hätte. Angestrengt versucht sie sich ein Lachen zu verkneifen. „Na, du alter Grummelbär, hast du wieder geschafft etwas kaputt zu machen?“ begrüßt sie grinsend ihren Ziehvater. Edward verzieht das Gesicht zu einem unglücklichen Lächeln. „Ich kann doch nichts dafür, dass die verfluchten Statuen von heute nichts aushalten. Da war die Siren noch aus einem ganz anderen Holz und wesentlich stabiler gewesen. „Da ist es wieder.“ denkt sich die junge Piratin: „Bei jeder Gelegenheit erwähnt er das Schiff.“


Er weiß nicht, dass er ihr damit jedes Mal einen Stich ins Herz versetzt, aber dafür weiß sie, dass er nur sein altes Leben vermisst. Sie setzt ihr schönstes Lächeln auf und präsentiert ihrem Adoptivvater stolz ihre Beute. Doch Edward erwidert ihr Lächeln nicht und schüttelt stattdessen nur traurig mit dem Kopf. „Ach Kindchen, ich weiß ja, dass es im Moment nicht besonders gut läuft mit dem Laden, aber wir wollten doch auf das Stehlen verzichten, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Vergiss nicht, dass wir uns noch immer in Nassau befinden und uns Blackbeard noch immer auf den Fersen ist.“ Das Lächeln der Piratentochter verschwindet und sie antwortet trotzig: „Aber wir müssen auch mal wieder was anständiges essen.“ Edward seufzt und blickt ihr ernst ins Gesicht. „Ich weiß, dass du es nur gut meinst und wahrscheinlich hast du auch recht, aber wir können diese Steine nicht verkaufen.“ Rot steigt die Wut in ihr junges Gesicht und sie schüttelt den Kopf, dass ihre Dreadlocks nur so fliegen. „Warum nicht?“ schreit sie ihren Ziehvater an: „Wir konnten bisher auch alles verkaufen!“ Der alte Seebär greift ihre Schultern und fährt unbeeindruckt mit seinen Erklärungen fort: „Enni, Kind, versteh doch. Es waren Blackbeards Männer, die du bestohlen hast und als wäre das nicht schon schlimm genug, hast du auf deiner Flucht noch einen weiteren von ihnen schwer verletzt.“ Die Piratentochter sieht ihren Adoptivvater mit ungläubigen Blicken an. „Aber wie...?“ „Einer der unsrigen hat euch auf eurer Flucht beobachtet und mir umgehend Bescheid gegeben.“ beantwortet Edward ihre Frage. „Ich habe bereits weitere Männer geschickt, um diese prekäre Lage, in die du uns in deinem jugendlichen Leichtsinn gebracht hast, in den Griff zu bekommen.


Kaum hat er seinen Satz beendet, klopft es an der Tür und eine heisere Stimme ruft: „Ich bin es, Jack, schnell macht die Tür auf, wir haben ein Problem.“ Umgehend öffnet der alte Seebär die Tür und gibt den Blick auf einen stämmigen Mann frei, der nach Luft ringend und stotternd seine Nachricht überbringt: „B... B... B... B... Blackbeard... Er ist... Er ist... Sie wissen... B... B... B... B... Bescheid... Auf... dem... Weg... ihr m... m... müsst... verschwi...“ Eine gebogene Klinge durchbricht den Brustkorb des Mannes und zeigt mit ihrer blutigen Spitze auf Edward, ehe Jack seinen Satz vollenden kann. Der rote Fleck breitet sich wie ein Lauffeuer auf dem weißen Hemd aus, bevor der arme Kerl mit einem letzten Schrei zusammenbricht und den Blick auf drei Männer mit langen schwarzen Bärten freigibt. „Na sieh mal einer an. Wie es scheint haben wir das richtige Rattennest entdeckt.“ meint der Vorderste grinsend, während er sein Schwert aus dem blutüberströmtem Leichnam zieht. „Und hey, William, schau mal, die Kleine kennen wir doch, oder?“ Ja, wenn das nicht die kleine Ensis ist. Oder sollte ich besser 'Elisa' sagen?“ antwortet ihm der Pirat zu seiner Rechten.


Erschrocken weichen sie und Edward zurück. Sollers will gerade auf die drei Bärtigen losgehen, doch die Diebin hält ihn zurück. „Los, kommt, wir müssen irgendwie von hier verschwinden.“ Doch auch ihr Ziehvater lässt sich nicht von ihrem energischen Auftreten beeindrucken. Stattdessen schüttelt er einfach ihre Hand von seiner Schulter. „Geh du schon mal vor. Ich werde sie aufhalten.“ Der alte Seebär greift sich eine der Statuen, hebt sie über den Kopf und rennt auf die drei Bärtigen zu. Diese geben jedoch nur ein verächtliches Schnauben von sich und zücken ihre Klingen. Doch bevor sie den Stahl in den Leib des Steuermannes rammen können, nimmt ihnen ein heller Lichtblitz die Sicht.


Als das Licht erlischt, ist es schon zu spät. Das Erste, was der vorderste der drei Spießgesellen realisiert, ist das Blut in seinem Gesicht und der kopflose Torso, der neben ihm stehend in sich zusammen bricht. Dann wirft er einen Blick auf William, der eben noch neben ihm stand und nun röchelnd in seinem eigenen Blut auf der Erde liegt und verzweifelt versucht die Blutfontäne, die aus seiner Kehle spritzt, zu stoppen. Dann blickt er wieder nach vorn und sieht in das tödliche Antlitz zweier Säbel, die blutüberströmt vor seinem Gesicht schweben. Vor Angst rutscht ihm sein Schwert aus der Hand und er hört die Stimme der Piratentochter: „Richte deinem Kapitän aus, dass ich kommen werde, um ihn zu holen. Und jetzt verschwinde!“ Ohne zu zögern nimmt der Bärtige die Beine in die Hand und verschwindet in dem regen Treiben der Menschenmassen.


Völlig perplex schaut Edward seine Adoptivtochter an. „Was in Gottes Namen war das eben?“ „Ich erkläre es dir später,“ antwortet sie ihm: „doch jetzt hilf mir erst einmal die beiden Leichen aus dem Blickfeld der Straße zu bekommen und dann sehen wir wohl besser zu, dass wir von hier verschwinden.“ Sie zerren die beiden leblosen Körper in das schlecht beleuchtete und von außen kaum einsehbares Geschäft und verschließen die Eingangstür. Ensis packt, so schnell sie kann, einige Vorräte zusammen, als ein heller Aufschrei vor der Ladentür sie zu einem raschen Aufbruch zwingt. Sie haben die Toten zu nah an der Tür liegen gelassen und nicht damit gerechnet, dass deren Blut durch den Türspalt hindurch auf die Straße fließen könnte, doch das ließ sich nun nicht mehr ungeschehen machen. Edward gibt einen kleinen Seufzer von sich. „Naja, immerhin bin ich jetzt diesen Laden los.“ Und zu Ensis gewandt spricht er: „Wir sollten in den Betrunkenen Piraten gehen. Ich habe veranlasst, dass sich die Crew dort im Notfall versammelt und das hier ist ja wohl ein Gott verdammter Notfall...“


Stillschweigend stimmt Ensis ihrem Ziehvater zu, während sie Seitenstraße um Seitenstraße passieren, um Blackbeards Männern zu entgehen. Die Ereignisse haben sich in den letzten Stunden wirklich überschlagen und das Ganze in einem Tempo, dass sie selbst noch nicht begreifen kann, was eigentlich alles geschehen war. Und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass das Massaker der beiden Zauberschwerter ihr wie ein Stein im Magen liegt. Dem alten Seebären mochte der Anblick des vielen Blutes nicht viel ausgemacht haben, dessen war sie sich auf Grund der Geschichten ihres Vaters sicher, aber in ihren Gedärmen rumorte es gewaltig. Angewidert schüttelt sie den Kopf, um die Gedanken zu verdrängen. Wohl oder übel wird sie sich an diesen Anblick gewöhnen müssen, wenn sie ihren geliebten Vater rächen will. Sollers unterbricht sein Schweigen. „Ich kann mir schon denken, was dir durch den Kopf geht.“ krächzt er behutsam. „Mir hat es auch nicht gefallen, dass du sie um die Ecke bringen musstest, aber sie haben dir keine andere Wahl gelassen.“ „Ja, da hast du wahrscheinlich recht.“ seufzt Ensis. „Womit habe denn recht?“ fragt Edward irritiert. „Ach, schon gut, Paps, ich hab nur mit mir selbst gesprochen.“ Der alte Haudegen gibt sich mit dieser Antwort zufrieden und sie schleichen sich weiter die Gassen entlang.


Ohne Zwischenfälle erreichen sie den Betrunkenen Piraten. Der alte Seebär klopft einen Code und nach einem Moment der Stille öffnet sich knarksend die hölzerne Hintertür. Ein großgewachsener Mann mit einer Narbe im Gesicht, die ihm vom rechten Auge bis zu den Lippen geht, baut sich vor ihnen auf und ohne Vorwarnung drückt er die Piratentochter an seine breite Brust. „Elisa, Kleines, ach ist das schön, dich nach so langer Zeit endlich wiederzusehen.“ Völlig überwältigt von der unerwarteten Situation, stottert das Mädchen: „Ähm... ja... also... auch schön dich wiederzusehen, aber könntest du mich bitte wieder los lassen? Ich bekomme keine Luft.“ „Oh, natürlich. Entschuldige bitte.“ Der Riese lockert seinen Griff und stellt sie wieder zurück auf den Boden. „Ich freue mich einfach nur.“ „Ja, ich freue mich ja auch, aber wer bist du?“ erwidert die Kleine mit hunderten Fragezeichen im Gesicht. „Und könntest du mich bitte mit 'Ensis' ansprechen?“ „Zwei Jahre sind vergangen und du kannst dich schon nicht mehr an mich erinnern? Ich gehöre zur alten Crew deines Vaters und...“ „Carl, dafür haben wir im Moment keine Zeit.“ mischt sich Edward ungerührt in das Gespräch der Beiden ein. „Sentimentalitäten und Erklärungen könnt ihr auch später noch austauschen. Jetzt ist nicht die Zeit für lange Reden, wir müssen handeln und zwar schnell. Sind die anderen Mitglieder schon eingetroffen?“ „Ja, das sind sie.“ gibt ihm Carl zur Antwort. „Gut, dann lasst uns keine weitere Zeit verlieren. Blackbeards Männer sind mit Sicherheit schon auf der Suche nach uns.“ Der alte Seebär schiebt seine Ziehtochter und sich an dem gutmütigem Riesen vorbei. Als sie auf gleicher Höhe sind, legt er ihm die Hand auf die Schulter und spricht leise: „Jack hat es leider nicht geschafft, mein Freund.“ Das Lächeln des Großgewachsenen erlischt. „Gut, geht ihr schon einmal vor und Ich komme gleich nach. Die anderen warten schon auf euch und bereiten den Plan vor.“ Verständnisvoll nickt der alte Seebär seinem Kameraden zu. „Bis gleich, mein Freund.“ Dann schiebt er Ensis durch die Gänge der schäbigen Wirtschaft.


„Plan? Was denn für ein Plan?“ fragt die Piratentochter neugierig und Edward antwortet ihr mit einem Lachen: „Kleines, ich wusste, dass dieser Tag kommen würde und langsam solltest auch du wissen, dass ich stets einen Plan im Hinterkopf habe.“ Er will gerade die Tür öffnen, die in die Schenke führt, als sich Carl hinter ihnen noch einmal zu Wort meldet: „Hey, wartet mal.“ Der alte Seebär und seine Adoptivtochter schauen zeitgleich zu dem gutmütigem Riesen zurück, der sich mit großen Schritten auf sie zu bewegt. „Die Möwe muss aber draußen bleiben.“ „Möwe? Hat der wirklich gerade M-Ö-W-E zu mir gesagt?“ krächzt Sollers entrüstet und flattert wütend mit den Flügeln. „Ich bin doch keine dieser fliegenden Ratten!“ Er will sich auf Carl stürzen und ihm ein Auge aushacken, doch Ensis hält ihren geflügelten Gefährten zurück und spricht beruhigend auf ihn ein, während sie sein weißes Gefieder streichelt. „Ganz ruhig, Sollers. Er meinte es sicher nicht so.“ Trotzdem kann sie sich ein belustigtes Grinsen nicht verkneifen. Dann richtet sie ihr Wort an den Piraten: „Carl, das ist Sollers und er ist mein Freund und wenn er nicht hinein darf, so werde ich diese Taverne auch nicht betreten.“ Der Riese ist irritiert und blickt für einen Moment unsicher zwischen Ensis und der weißen Krähe hin und her, bevor er seine Antwort gibt: „Na gut, schön, er darf mit rein, aber sorg' dafür, dass er keinen Dreck macht.“ „Versprochen.“ erwidert das Mädchen und schenkt ihm ihr schönstes Lächeln.


In der Schenke herrscht selbst zu dieser frühen Tageszeit ein reger Betrieb. Zwischen den Ebenholz vertäfelten Wänden lassen die Seeleute, Freibeuter und Piraten den brennenden Schnaps ihre Kehlen benetzen, während sie lautstark dabei johlen und singen. Edward hat seine Ziehtochter in den hinteren Teil der Wirtschaft geführt, wo sich auch die Küche befindet. Gedankenverloren steht die Teilzeit-Diebin inmitten der brodelnden Töpfe und schwarzen Öfen, in denen die Flammen ihren heißen Tanz vollführen, als Carl durch eine der Kochnebelwolken tritt und auf die hintere Wand verweist. Stillschweigend folgt sie den beiden erfahrenen Seemännern und beobachtet neugierig deren Treiben. Der Riese macht sich gerade an dem Fliesen-ähnlichem Holzfurnier zu schaffen und drückt eine der dunklen Kacheln, woraufhin sich mit einem Klick eine in der Wand verborgene Tür öffnet und den Blick auf eine steinerne Treppe frei gibt. „Wow, so etwas habe ich auch noch nicht gesehen.“ murmelt die Piratentochter sichtlich erstaunt in ihren nicht vorhandenen Bart. „Das von so einem Bastelgenie wie dir zu hören, macht mich schon irgendwie ein bisschen stolz.“ antwortet Edward vergnügt. „Du musst nämlich wissen, dass das hier meine Idee war.“ „Sieht so aus, als könnte ich doch noch einiges von dir lernen, alter Mann.“ kommentiert Ensis grinsend seine selbstverliebte Aussage. „Der alte Mann wird dir schon noch zeigen, wie der Hase läuft, aber jetzt komm erstmal. Die anderen schienen schon auf uns zu warten.“ meint der alte Seebär und spielt auf das Stimmgemurmel an, das aus der Tiefe zu ihnen empor dringt. Ohne noch länger zu zögern folgt Ensis ihrem Ziehvater die Steintreppe hinab in das Kellergewölbe.


Sie müssen zwar aufpassen, dass sie auf den feuchten Stufen nicht den Halt verlieren, doch kommen sie alle in einem Stück in dem versteckten Zimmer an und fünfzehn Gesichter begrüßen sie, wie aus einer Kehle: „Hey ho, Captain!“ Ensis blickt ihren Stiefvater an, doch der schüttelt mit dem Kopf und grinst. „Nein, mein Kind, nicht ich bin gemeint, sondern du.“ Der Piratentochter verschlägt es für einen Moment die Sprache, eh sie sich wieder fangen kann und in Gelächter ausbricht. „Hahaha... Der war gut. ich habe weder Erfahrung, noch ein Schiff, dass ich mein Eigen nennen kann.“ Doch der alte Seebär schaut sie ruhig an und antwortet mit einem breitem Grinsen: „Noch nicht, aber das wird sich heute Nacht ändern. Denn dann holen wir uns die Siren zurück.“ Tosender Applaus und das zustimmende Gejohle der Mannschaft erfüllen die Luft des steinernen Gewölbes.


» Die Siren zurückholen « Ihr Herz macht einen Freudensprung als sie die Worte des Alten vernimmt. Hatte Edward in den letzten zwei Jahren etwa einen Plan ausgeheckt, wie sie das Schiff ihres Vaters wieder zurück bekommen könnten? Tausend Fragen schossen ihr in den Kopf: „Aber wie? Und wann? Und...“ Doch der alte Steuermann unterbricht freundlich ihren Redefluss: „Immer mit der Ruhe, mein Kind. Ich werde dir alles erklären, aber vorher könntest du so freundlich sein und mir erzählen, was sich vorhin in unserem Laden abgespielt hat.“ Ensis nimmt auf einem der hölzernen Stühle Platz und berichtet ihrem Stiefvater und der alten Crew von ihrer Begegnung mit der Hellseherin. Als sie mit ihrem Bericht am Ende ist, vollführt sie auch den Trick mit den magischen Schwertern. Die alte Mannschaft ihres Vaters ist begeistert von ihren neuen Fähigkeiten. Nur Edward runzelt die Stirn, bevor das Wort erneut an seine Adoptivtochter richtet: „Ich weiß nicht, ob es klug von dir gewesen ist, dein Leben dafür aufs Spiel zu setzen, aber deine Kräfte könnten uns heute Nacht von Vorteil sein.“ Die Männer erheben ihre Krüge und stimmen ihm mit einem gemeinschaftlichen „Aye“ ausgelassen zu.


„Doch nun lass mich dir von unserem Plan erzählen.“ beginnt der Alte seine Erklärungen. „Heute Abend werden Blackbeard und seine Männer in den Hafen zurückkehren, um sich für weitere Raubzüge aufzurüsten. Wie ich aus zuverlässiger Quelle gehört habe, plant er einige Schiffe der Royal Navi anzugreifen und dazu braucht er jeden seiner Männer. Dementsprechend werden die Schiffe heute Abend nur sehr schlecht bewacht sein. Wenn sie denn überhaupt bewacht werden. So wie ich den selbstverliebten Bastard kenne, geht er davon aus, dass sich niemand auch nur in die Nähe seiner Schiffe wagt und genau das werden wir uns zunutze machen. Wir werden uns zum Hafen schleichen, die eventuell vorhandenen Wachen überwältigen und uns dann mit der Siren aus dem Staub machen, noch bevor irgendjemand mitbekommt, was überhaupt geschehen ist.“


Aufmerksam lauscht Ensis den Ausführungen ihres Stiefvaters. „Aber wenn Blackbeard von der heutigen Geschichte Wind bekommt, dann werden unsere Chancen doch mit Sicherheit geringer ausfallen, oder nicht?“ „Keine Sorge, mein Kind. Blackbeard wird heute Abend so beschäftigt sein, dass er gar keine Zeit für so eine Geschichte haben wird. Zumal ich auch bezweifle, dass einer seiner Männer ihm heute Abend beichten will, dass sie sich ihre Beute von einer 17-jährigen Diebin haben abnehmen lassen. Es sei denn derjenige will den Bug des Schiffes als kopflose Galionsfigur zieren.“ antwortet der alte Pirat und zwinkert ihr grinsend zu. Ensis nickt nur. „Wahrscheinlich hatte er recht und bisher haben seine Pläne ja auch immer funktioniert.“ denkt sie sich. „Warum sollte es also dieses Mal anders sein?“ Sollers, der die ganze Zeit nur still auf ihrer Schulter gesessen hat, teilt ihre Gedanken: „Meinst du, er schafft das?“ „Natürlich schafft er das. Er hat es bisher immer geschafft und ohne ihn wäre mein Vater bestimmt niemals so erfolgreich gewesen.“ antwortet sie ihm leise und streichelt sein schneeweißes Federkleid. Dann setzt sie sich in eine ruhige Ecke und beobachtet die Männer, die sich um eine Karte versammelt haben, um ihren Plan zu besprechen. Bald schon fallen ihr vor Müdigkeit die Augen zu. Es war eine lange Nacht.


Sie wird aus ihren Träumen gerüttelt und öffnet schlaftrunken die Augen. Carl steht vor ihr, blickt ihr freundlich ins Gesicht und reicht ihr wortlos einen Krug mit Wasser, den sie begierig an ihre Lippen führt. Hastig leert sie den hölzernen Becher und verschluckt sich. Hustend gibt sie dem sanftem Riesen den Trinkbehälter zurück. Der lacht nur und schlägt ihr ein paar Mal kräftig auf den Rücken. „Du trinkst ja, als hättest Du seit Wochen keinen Schluck Wasser bekommen.“ „Naja, ich hab wirklich den ganzen Tag schon nichts getrunken gehabt und wenn wir schon dabei sind, was zu essen könnte ich auch vertragen.“ Als hätte er nur auf dieses Stichwort gewartet, zaubert Carl einen Teller mit einer großen Portion Kartoffeln und Huhn hinter seinem Rücken hervor, den die Piratentochter dankend entgegen nimmt.


Nach einer Weile stößt auch Edward zu den Beiden. „Hey, Enni, langsam siehst du echt wieder aus wie ein Mensch und nicht mehr wie so ein ausgehungertes Gespenst. Ich wollte euch nur Bescheid geben, dass wir bald aufbrechen. Ihr könnt euch also langsam bereit machen.“ Carl nickt stumm, steht auf und geht zu den übrigen Männern, während Ensis vorsichtig ihren treuen Gefährten weckt. Doch scheinbar ist sie nicht vorsichtig genug, denn Sollers zuckt erschrocken auf und kann sich nur mit Hilfe eines Flügelschlages vor dem Herunterfallen retten. „Wie kannst Du nur? Jetzt wäre mir beinahe das Herz stehen geblieben!“ krächzt der weiß Gefiederte. Die Piratentochter lacht und reicht ihm zur Entschädigung ein Stück von ihrem Huhn. Schlagartig vergisst Sollers seine Wut und nimmt erfreut die Entschuldigung an. Schnell schlingen sie die letzten Reste herunter und begeben sich zu den anderen Crewmitgliedern, die sich bereits ihre Schwerter und Pistolen umlegen. Das heißt, alle bis auf ihren Stiefvater. „Wahrscheinlich ist er schon zu alt für diese Art von Abenteuer.“ geht es ihr durch den Kopf, doch so schnell wie der Gedanke gekommen war, verschwindet er auch wieder, als sie die Wurfmesser in seiner Hand erblickt. „Bist du dir sicher, dass du in deinem Alter bei so einer Aktion noch an vorderster Front kämpfen willst?“ fragt sie ihn besorgt, doch ihr Adoptivvater lacht nur und spricht: „Keine Sorge, mein Kind, ich bin noch fit genug, um auch einem Jungspund wie dir noch das Kämpfen beizubringen. Meine Knochen knacken zwar hin und wieder, aber meinen Biss habe ich noch lange nicht verloren.“ Das genügt, um die Sorgen der Diebin fürs Erste zu beruhigen.


Als alle mit ihren Vorbereitungen abgeschlossen haben, richtet Edward motivierend seine Stimme an die Piratencrew: „Los Männer, jetzt lasst uns los ziehen und uns unser Zuhause zurück holen!“ Ein lautes „Aye!“ erklingt zustimmend aus den vereinten Kehlen der Mannschaft. Dann legen sie sich ihre schwarzen Kapuzenmäntel an, in denen sie besser mit der Dunkelheit verschmelzen können.


Die Nacht ist bereits wieder über der Stadt hereingebrochen, als sich eine handvoll Piraten auf dem Weg zum Hafen macht. Doch statt auf den Straßen, bewegen sie sich über die Dächer der Stadt vorwärts. Auch dies gehört zu Edwards Plan, der es tunlichst vermeiden will, schon vorab mit den Schlägern Blackbeards Bekanntschaft zu machen. Trotzdem fällt es dem alten Seebären sichtlich schwer mit den anderen mitzuhalten und bei jedem Sprung befürchtete Ensis, dass er abstürzen könnte. Doch egal, wie oft sie ihm auch ihre Hilfe anbietet, er schlägt jedes Mal die Hand seiner Ziehtochter bei Seite und knurrt verbissen: „Lass das. Ich brauche keine Hilfe.“ Nach einer Weile gibt sie es schließlich auf. Seine Sturheit würde sie noch eines Tages in den Wahnsinn treiben, dessen war sie sich sicher.


Endlich kommen sie am Hafen an, wo sie bereits einer der Späher erwartet. So weit sie sich erinnern kann, ist sein Name Rabbit, das Kaninchen und man nennt ihn so, weil er in der Lage ist, sich auch in den kleinsten und dreckigsten Löchern zu verstecken, um Informationen zu beschaffen. Er läuft auch geradewegs auf Edward zu und berichtet: „Es ist alles sauber, Sir und so wie sie erwartet haben. Blackbeard hat keine Wachen zurück gelassen und sämtliche Piraten haben sich bereits oben in seiner Festung versammelt.“ „Sehr gut, ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.“ lobt Edward den Spitzel, der unter seiner Kapuze grinst und dann wieder in der Dunkelheit verschwindet. Ensis muss sich selbst davon überzeugen, dass das Kaninchen die Wahrheit gesagt hat und blickt vom Dach herunter. Sie kann lediglich einen betrunkenen Mann erkennen, der sich an die Hauswand lehnt und darum kämpft nicht das Gleichgewicht zu verlieren und ein Pärchen, das sich scheinbar nicht darum schert, was die Leute von ihnen denken könnten und die schon beinahe übereinander herfallen. Ansonsten plätschert nur der große Springbrunnen in der Mitte des Hafenplatzes vor sich hin und vereinzelte Fackeln beleuchteten das Areal mehr schlecht als recht. Ideale Bedingungen für einen nächtlichen Raubzug.


Hinter dem Platz befinden sich die Anlegeplätze, wo die fliegenden Schiffe vertaut auf ihre Einsätze warten und ganz am Ende kann die Piratentochter auch den Grund für ihre Anwesenheit hier ausmachen: Die Siren. Erneut macht ihr Herz einen Freudensprung. Sie hat das majestätische Schiff seit gut zwei Jahren nicht mehr gesehen. Edward legt seine Hand auf ihre Schulter und flüstert: „Schick mal deine Krähe los. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gefühl bei der Sache.“ Überrascht blickt sie den Alten an und gibt Sollers mit einem Handzeichen das Signal, dass er sich umsehen soll. Irritiert fragt sie ihren Stiefvater: „Was ist los?“, doch der Seebär zuckt nur mit den Schulter. „Nur ein Gefühl.“


Nach einem kurzem Rundflug kehrt Sollers zurück und krächzt: „Es scheint alles in Ordnung zu sein. Zumindest ist mir nichts auffälliges ins Auge gefallen.“ Die Piratentochter nickt und gibt die Botschaft weiter: „Er sagt, dass er nichts gesehen hat.“ „Hmm... anscheinend werde ich wohl doch alt.“ murmelt der Alte leise, dann richtet er sein Wort wieder an die Crew, die ungeduldig in den nächtlichen Schatten wartet: „Männer, lasst uns loslegen.“ Das ist das Zeichen, auf das die kräftigen Männer nur gewartet haben. Sofort beginnen sie die Fassaden herabzuklettern. Edward entscheidet sich stattdessen dafür eine angelehnte Leiter zu benutzen und auch seine Adoptivtochter tut es ihm gleich. Auf der Straße angekommen sehen sie auch schon, wie die Männer gebückt über den Platz huschen und dabei bemüht sind stets im Dunkeln zu bleiben. Auch sie und der alte Steuermann laufen in gebückter Haltung und im Slalom über den Hafenplatz, bis sie die Siren erreichen.


Vor lauter Aufregung läuft der Piratin der Schweiß von der Stirn. Es ist mit einem Mal so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen kann und nicht einmal die Möwen geben ihr nerviges Gekreische ab. Eine regelrechte Totenruhe liegt in der Luft. Leise flüstert Ensis ihrem Adoptivvater zu: „Ich glaube du hast recht. Irgendwas stimmt hier nicht. Es ist viel zu ruhig.“ „Ja, Enni, aber wenn es eine Falle ist, dann werden wir das spätesten an Bord bemerken.“ Er gibt seinen Männern das Zeichen, dass Schiff zu betreten, woraufhin zwei von ihnen ihre Enterhaken nach oben werfen und mit der Hilfe der Seile auf das Schiff klettern. Nach ein paar Augenblicken, die Ensis wie eine Ewigkeiten vorkommen, lassen die beiden Männer die Brücke herunter, die im Prinzip nur ein langes Holzbrett ist, mit dem die Mannschaft das Schiff betreten kann. Edward und Ensis sind die letzten, die die Siren betreten und Carl, der bereits das Flugschiff inspiziert lassen hat, berichtet erleichtert: „Alles sauber, Sir. Keine Menschenseele ist an Bord.“ Dem alten Seebären fällt ein Stein vom Herzen, als er diese Worte vernimmt. „Na so was, das ging ja einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte.“


Als wäre das das Stichwort flammen auf den umliegenden Schiffen dutzende kleiner Fackeln an und ein fast schon brüllendes Gelächter zerreißt die Stille der Nacht: „Na sieh mal einer an, wenn das nicht mein alter Freund Edward ist.“ Der Alte dreht sich herum und blickt in das grinsende Gesicht Blackbeards, der sich auf dem gegenüberliegenden Schiff positioniert hat. „Mein lieber Edward, du solltest doch mittlerweile wissen, dass nichts so einfach ist im Leben.“ Das Grinsen des Schurken wächst zu einer obskuren Fratze heran. „Los Männer.“ gibt Edward leise den Befehl an die Mannschaft das Schiff startklar zu machen, doch das bleibt ihrem Gegenspieler nicht lange verborgen. „Oh, wie ein Hornissennest, in das man hinein gestochen hat. Ist schon lange her, dass ich so eilige Männer gesehen habe.“ Wieder erklingt das abscheuliche Lachen des Schwarzbärtigen. „Aber immer lasst euch Zeit, denn ihr werdet so schnell nirgendwo hinkommen und ich habe euch genau dort, wo ich euch schon immer haben wollte. Die ganze ehemalige Crew wie auf dem Silberteller serviert und endlich bereit von mir ausgelöscht zu werden.“ Dann präsentiert er dem grimmig dreinblickenden Steuermann ein gläsernes Gefäß, in dem ein purpur leuchtender Stein schwebt. „Ich schätze mal, dass ihr ohne dieses Schmuckstück nicht sehr weit kommen werdet.“


Dieses Mal ist es Sollers, der als Erster reagiert. Kraftvoll stößt er sich von der Schulter Ensis' ab und verschwindet im nächtlichen Himmel, um nur Momente später von oben herabzustürzen und dem schwarzbärtigem Kapitän das Gefäß zu entreißen. Bevor dieser auch nur realisieren kann, was geschehen ist, hält die Piratentochter auch schon den purpurnen Steuerstein in der Hand. Schnell drückt sie Carl, dem gutmütigen Riesen, das Gefäß in die Hand, als auch schon wütend das schauderhafte Brüllen des schwarzen Anführers erklingt, der seinen Männern den Befehl zum Entern erteilt. Brüllend kommen die Piraten Blackbeards auf die Siren zugerannt oder schwingen sich von den Masten der umliegenden Schiffe auf das majestätische Schiff. Verzweifelt stellen sich die Piraten dem Ansturm entgegen.


Und mittendrin steht eine völlig überforderte und angsterfüllte Piratentochter, die nicht weiß, was sie tun soll, während um sie herum literweise Blut vergossen wird. Sollers, der oberhalb der Szenerie seine Flügel schwingt, um das Geschehen zu überblicken schreit ihr krächzend zu: „Ensis, los, benutze deine Kräfte!“, doch die Piratentochter steht unbeweglich an ihrem Platz, als wäre sie zu Stein erstarrt.


Edward ist es, der sie aus ihrer Lethargie befreien kann. Väterlich legt er seine Hand auf ihre Schulter und spricht: „Immer mit der Ruhe. Hab keine Angst, mein Kind, doch du musst dich jetzt konzentrieren. Wir brauchen dich.“ Als hätte jemand den Schalter in ihrem Schädel umgelegt, erscheinen die beiden Schwerter und fliegen auf Blackbeard zu. Entsetzt weicht er zurück und will sie abwehren, doch die magischen Klingen zerschneiden seine Waffe, als wäre sie nur aus Papier. Blackbeard sieht schon sein letztes Stündlein geschlagen, doch die Schwerter durchbohren ihn nicht. Auch wenn Ensis ihm am liebsten sofort den Garaus gemacht hätte, so ist ihr bewusst, dass sie kein Druckmittel mehr hätten, wenn sie ihm jetzt die Kehle durchschneiden würde. Stattdessen brüllt sie in das Schlachtgetümmel: „Wenn ihr euch auch nur noch einen Zentimeter bewegt, ist euer Kapitän Geschichte!“ Das Geräusch rasselnder Klingen verstummt und die Piraten sehen zu ihrem Anführer, der nervös und mit erhobenen Händen auf der Reling des anderen Schiffes steht. „Tut, was sie sagt und zieht euch zurück, Männer. Früher oder später werden wir schon noch unsere Chance bekommen, um diese Brut auszulöschen.“ Vorsichtig ziehen sich die feindlichen Piraten zurück, während sich Ensis weiterhin darauf konzentriert, die magischen Klingen an der Kehle Blackbeards zu halten. Nur mit Mühe widersteht sie dem Drang diesem feigem Bastard das Leben zu nehmen.


Just in dem Moment, als auch der letzte ihrer Feinde das Deck verlassen hat, kommt einer ihrer Männer zu ihnen und teilt Edward mit, dass sie startklar sind. „Endlich. Das hat lange genug gedauert.“ gibt der alte Steuermann zynisch seinen Kommentar ab und begibt sich aufs Oberdeck, wo sich das Steuerrad und die Steuerkonsole befindet. „Ich hab dich vermisst.“ spricht er leise, während er beinah zärtlich über das spanische Zedernholz der Steuerung streicht. Zu seiner großen Erleichterung haben die Schiffszimmerleute Blackbeards keine Veränderungen an der Konsole vorgenommen. Sie besteht noch immer aus den selben leuchtenden Knöpfen, die sie schon seit ihrer damaligen Neugestaltung trägt: 'Hoch', 'Runter', 'Start', 'Stopp' und in Anbetracht der Tatsache, dass neuere Flugschiffe wesentlich kompliziertere Steuerungen vorweisen, ist er darüber wirklich sehr erfreut.


Erwartungsfroh betätigt Edward den Startknopf und das Herz des Schiffes erwacht mit einem lautem Surren zum Leben. Nun breiten sich auch die beiden zusätzlichen Segel an den Seiten aus, die man zum Steuern in der Luft benötigt. Währenddessen steht die junge Piratin noch immer am Deck und konzentriert sich angestrengt auf die beiden Klingen. Schweiß rinnt ihr von der Stirn. „Seit ihr langsam mal so weit?“ ruft sie ihrem Stiefvater nervös zu. „Lange kann ich die Schwerter nicht mehr halten!“ Doch ist es Blackbeard, der ihr stattdessen mit einem Grinsen antwortet: „Wir werden uns wiedersehen, Prinzessin, und dann wird dein Kopf die Zinnen meiner Festung schmücken. Gleich neben dem skelettierten Schädel deines Vaters.“ Dann lässt er wieder sein typisches Gelächter erklingen, das sie so sehr zur Weißglut treibt, aber selbst jetzt hält sie sich noch zurück, statt einfach sein schwarzes Herz zu durchbohren. „Ja, wir werden uns wiedersehen und dann ist es dein verfluchter Kopf, der die Spitze meiner Schwerter zieren wird!“ Dann erhebt sich die Siren endlich von ihrem Schlafplatz, verschwindet im nachtschwarzen Himmel und lässt die Stadt Nassau hinter sich.


Erschöpft sackt die Piratentochter auf die Knie, während die Mannschaft hinter ihr in lauten Jubel ausbricht. Tränen der Freude laufen ihre Wangen hinab. Endlich haben sie ihr Schiff zurück. Sie wischt sich die salzigen Perlen aus dem Gesicht, steht hoch und begibt sich zu ihrem Stiefvater aufs Oberdeck, der sie freudestrahlend begrüßt: „Endlich kann ich wieder die salzige Luft der See schmecken und den Himmel genießen.“ Ensis freut sich, dass ihr Ziehvater scheinbar seine Lebensfreude

wieder gefunden hat, doch geht ihr ein Gedanke nicht aus dem Kopf. „Was glaubst du, wer uns verraten hat? War es einer der Männer, die mich verfolgt hatten oder war es einer der Unsrigen?“ Das Lächeln entschwindet aus dem Gesicht des Alten. „Ich weiß es nicht, mein Kind. Und auch wenn ich meinen Männern vertraue, sollten wir wohl auf der Hut sein.“ Sie will noch etwas erwidern, als Carl mit drei Krügen Bier zu ihnen stößt und ihre Unterhaltung unterbricht. „Hey, sie ist aber noch keine Achtzehn!“ wirft der alte Seebär seine Bedenken ein, doch wird umgehend von Carl ausgekontert: „Ob volljährig oder nicht, ich finde, dass hat sie sich heute wirklich verdient.“ „Na gut, ausnahmsweise.“ grummelt Edward: „Aber nicht, dass mir das zur Gewohnheit wird.“ „Nein, keine Sorge, Du alter Grummelbär.“ lacht die Piratentochter und stößt mit ihnen an. „Auf die Siren !“ „Aye, auf die Siren !“ stimmen die beiden Männer in ihren Toast mit ein.


Sollers, der es sich auf dem höchsten Punkt des Mastes bequem gemacht hatte, hat sich an dem nächtlichen Sternenhimmel satt gesehen und fliegt zurück zu seiner Freundin, wo er sich auf seinem angetrauten Platz niederlässt. „Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen.“ krächzt er vergnügt: „Auch wenn ich fast ein paar meiner schönen Federn eingebüßt hätte.“ Ensis lacht und streichelt das Gefieder ihres Gefährten: „Na da bin ich aber froh, dass du so hübsch geblieben bist. Nicht auszudenken, wie du ohne Federn ausgesehen hättest.“


Die Stimmung auf dem Schiff ist ausgelassen und die Mannschaft trinkt und johlt bis tief in die Nacht. Ensis weicht ihrem Stiefvater nicht von der Seite, während dieser konzentriert hinter dem hölzernen Steuerrad steht und das Schiff durch die Nacht lenkt. „Wir fliegen nach Tortuga, dem nördlichen Piratenstützpunkt.“ sagt er plötzlich mit einem ernsten Gesichtsausdruck zu seiner Adoptivtochter. „Warum?“ will sie wissen. „Weil Blackbeard uns verfolgen wird, sobald er seinen Plan in die Tat umgesetzt hat und bis dahin müssen wir uns vorbereitet haben. Wir brauchen mehr Männer und mehr Schiffe, wenn wir uns im Kampf gegen ihn behaupten wollen. Viele der alten Crewmitglieder sind damals nach Tortuga geflüchtet und ich hoffe die meisten von ihnen dort zu finden.“ „Ich verstehe.“ gibt das junge Mädchen zurück: „Dann werde ich mich wohl besser unter Deck begeben und mich etwas ausruhen. Der Trick mit den Schwertern ist kräftezehrender, als ich anfangs glaubte.“ Der Alte nickt seiner Ziehtochter verständnisvoll zu und diese macht sich auf den Weg. Gerade als sie die Treppe hinter sich gelassen hat und die Tür öffnen will, die in den Bauch des gewaltigen Schiffes führt, tritt Rabbit aus der Dunkelheit und auf sie zu. „Es tut mir leid dich zu stören, aber ich muss dich warnen. Du solltest besser auf dich aufpassen.“ Dann zieht er sich wieder zu den anderen zurück, setzt sich auf ein Fass und trinkt sein Bier weiter. Verdutzt blickt sie ihm hinterher, während Sollers ihre Gedanken in Worte fasst: „Was zum Teufel war denn das jetzt? Das war irgendwie beunruhigend.“ „Du sagst es, mein Freund, du sagst es.“ Sie wendet ihren Blick von dem Spion ab und blickt auf die große Tür, die ins Innere der Siren führt. Noch immer sind der Schädel und die zwei ihn umringenden Schwerter in das Holz eingraviert. Es verwundert sie, dass Blackbeard diese nicht längst entfernen lassen hatte. Dann öffnet sie die Tür und betritt den Bauch des hölzernen Flugschiffes.


Sie geht die Treppe hinunter und wird von dem großen ovalen Raum begrüßt, der den Bauch der Siren bildet. Links und rechts der Treppe liegen vertaut die Fässer, in denen sich der restliche Proviant befindet. Anscheinend sind Blackbeards Männer nicht mehr dazu gekommen, die Vorräte wieder aufzustocken. Die Piratentochter geht weiter und erblickt die acht eisernen Sechspfünder auf jeder Seite, die hinter den hölzernen Stückpforten auf ihren Einsatz warten und gleich daneben hatte man die schweren Eisenkugeln pyramidenähnlich aufeinander gestapelt. Doch ihr Ziel befindet sich ein paar Meter weiter hinten, kurz bevor eine weitere Treppe in die Küche und den Maschinenraum führt.


Hier am Heck des stolzen Zweimasters hatte man die Mannschaftsunterkünfte eingerichtet und die offenen Kojen mit ihren handgeknüpften Hängematten laden sie zum Verweilen ein. Schon von weitem kann sie das Schnarchen vernehmen, dass die Crewmitglieder von sich geben, die eine Mütze Schlaf dem ausgelassenem Trinkgelage bevorzugen. Ensis entscheidet sich für eine Koje auf der rechte Seite und wirft sich in das Netz der Hängematte, während Sollers es sich auf einem Balken über ihr gemütlich macht. „Glaubst du, wir schaffen das?“ fragt sie ihren gefiederten Freund. „Ja, ich denke schon.“ antwortet die weiße Krähe aufmunternd, doch seine Worte können die Piratentochter nicht wirklich beruhigen. Dennoch fällt sie nach wenigen Minuten in einen tiefen Schlaf.


Es ist ein gespenstischer und überaus realistisch wirkender Traum, der die diebische Piratentochter heimsucht. Sie träumt von den Ereignissen der letzten Stunden, sieht noch einmal in das grinsende Antlitz Blackbeards, der ihr mit seiner dreckigen Lache prophezeit, dass sie sich wiedersehen werden und vernimmt zum zweiten Mal die Warnung des Spions Rabbit, der sich, um seinem Namen gerecht zu werden, in ein übergroßes Kaninchen verwandelt hat. Ein Schrei befördert sie zurück in die Koje des Schiffes, wo sie panisch aus ihrer Hängematte stürzt und schmerzend auf dem hölzernen Boden landet. Fluchend steht sie auf und stellt zu ihrer Verwunderung fest, dass sich niemand mehr in diesem Teil des Schiffsrumpfes aufhält. Sie ruft nach ihrem treuem Begleiter, doch auch dieser bleibt verschwunden und antwortet ihr nicht. In ihrer Panik läuft sie den Weg, den sie gekommen ist und reißt die Tür auf, doch statt auf dem Deck der Siren befindet sie sich wieder in der Nassauer Festung. Zwei ihr bekannte Stimmen erklingen und sie blickt hinauf zu dem Wehrgang, wo sich Blackbeard und ihr Vater geradewegs lautstark in den Haaren liegen. „Wo hast du es versteckt?“ brüllt der niederträchtige Pirat: „Ich will es zurück haben! Es gehört mir!“ Doch ihr Vater antwortet ihm: “Du wirst es niemals wieder bekommen!“ Purpurn steigt der Zorn dem Schwarzbärtigem ins Gesicht und er geht auf den Piratenkönig los. Auch Ensis rennt los, um ihren Vater vor dem sicheren Tod zu bewahren, doch noch ehe sie vom Fleck kommt, bohrt sich die glänzende Klinge Blackbeards in den Körper ihres Vaters Henry Every. Ein weiteres Mal zerreißt es der jungen Piratin bei diesem Anblick das Herz und im gleichem Maße wie ihr Herz zerspringt, zerfällt auch diese Welt vor ihren Augen und reißt sie in einen tiefschwarzen Abgrund hinab. Eine blonde Frau tritt aus der ewigen Finsternis auf sie zu und Ensis erkennt die Hellseherin wieder, die ihr die Macht der zwei Schwerter überlassen hat. Doch dieses Mal trägt sie wie der Fürst der Hölle zwei schwarze Hörner auf dem Kopf. Die Blonde lacht und spricht sie an und es klingt, als würde ihre Stimme aus allen Richtungen gleichzeitig kommen: „Wie schön, dass du hergefunden hast, kleine Diebin.“ „Was? Wer? Wo bin ich? Was ist hier los?“ entweichen die Worte verängstigt dem Mund der jungen Diebin. Abermals erklingt das teuflische Lachen der Hexe, bevor sie redet: „Keine Sorge, mein Kind, dir wird nichts geschehen. Ich habe dich nur hier her geholt, um dich zu warnen. Bald schon werden ein Mann und eine Frau mit schwarzen Krähen hier auftauchen, die dir die Macht entreißen wollen, die ich dir gab.“ Zum dritten Mal erklingt das böswillige Gelächter und die Welt versinkt einem Strudel gleich in der Finsternis, doch bevor Ensis nach weiteren Details fragen kann, wacht sie schweißgebadet in ihrer Hängematte auf.


Auf dem Balken über ihr ruht friedlich die weiße Krähe und um sich herum vernimmt sie das gemeinschaftliche Schnarchen der anderen Crewmitglieder. „Es war nur ein Traum.“ murmelt sie leise und schlägt die Hände vors Gesicht. Trotzdem wollen ihr die nächtlichen Bilder nicht vollends aus dem Kopf gehen. Vor allem die Tatsache, dass ihr Vater etwas gestohlen haben sollte, was Blackbeard gehört hatte und auch die Worte der dämonischen Zauberin bringen ihre Gedanken zum Kreisen. Auch wenn sie deren Warnung nicht wirklich verstand. „Wenn es so weit ist, wirst du es verstehen.“ spricht sie zu sich selbst, bevor sie ihren gefiederten Gefährten weckt. „Sollers, wach auf, wir müssen Edward ein paar Fragen stellen.“ Schlaftrunken öffnet die Krähe ihre Augen und gähnt. „Was ist?“ „Komm einfach mit.“ antwortet sie und hält ihm ihre Schulter hin, auf die sich ihre geflügelter Freund niederlässt und wieder die Augen verschließt. Auf leisen Sohlen, um die anderen nicht unnötig zu wecken, schleicht sich die Piratentochter durch den Bauch des Schiffes. Sie erklimmt die Treppe und reißt vorsichtig die Tür auf zum Deck auf. Die Strahlen der Morgensonne blenden sie und zwingen sie dazu die Augen wieder zusammen kneifen, als sie auch schon die Stimme Carls vernimmt, der sie vergnügt mit einem „Guten Morgen, Frau Kapitän!“ begrüßt und dann weiter die Bretter des Schiffes schrubbt, während er leise vor sich pfeift.


Ihre Augen haben sich endlich an das grelle Licht gewöhnt und so macht sie sich auf zum Oberdeck, wo der alte Seebär seinen Platz hinter dem Steuerrad noch nicht verlassen hatte. Ehe er sie begrüßen kann, rutscht es seiner Adoptivtochter schon heraus: „Was hat mein Vater dem alten Mistkerl abgejagt?“ „Pssst, nicht so laut.“ antwortet Edward völlig überrascht und winkt sie zu sich heran. Doch seine Überraschung ist verflogen, als sie sich neben ihn stellt und so fragt er, als könne ihn kein Wässerchen trüben: „Guten Morgen, Enni und jetzt sagst du mir bitte nochmal in aller Ruhe, wovon in Gottes Namen du da eigentlich sprichst. Ich habe nämlich keine Ahnung, was du jetzt von mir willst.“ „Vergiss nicht, dass ich dir ansehen kann, wenn du mich anlügst.“ erwidert seine schöne Ziehtochter mit fester Stimme. „Du kannst mir nichts vormachen.“ „Ich weiß wirklich nicht, was du meinst.“ antwortet der alte Seebär, doch Ensis lässt sich nicht so leicht täuschen. „Ich habe von dem Tag geträumt, als Blackbeard meinen Vater ermordet hat und ich habe auch gehört, worüber die beiden sich kurz vorher gestritten haben.“ Seufzend schüttelt der Steuermann mit dem Kopf. „Nun gut, ich seh schon, dass ich dir nichts vormachen kann. Aber das wird eine längere Geschichte werden.“ Ensis lehnt sich an die Reling und gibt ihm zu verstehen, dass er anfangen kann.


„Als dein Vater und Ich auf einer unserer Reisen waren, hörten wir von einem Schatz, der auf der Insel der Toten vergraben sein sollte. Dein Vater war ja schon immer von solchen Geschichten ganz begeistert, auch wenn ich ihm stets sagte, dass dass das alles nur Klabautermärchen wären, aber er ließ sich nie beirren und jagte trotzdem jedem Phantom hinterher. Auf jeden Fall waren wir damals gerade in Tortuga, um Männer anzuheuern, als wir zum ersten Mal auf Blackbeard trafen. Zu der Zeit war er noch nicht so bekannt wie heute, auch wenn er schon einige Männer um sich gescharrt hatte und ein großes Schiff besaß. Wie hielten ihn dennoch für den idealen Begleiter dieses Abenteuers und offenbarten ihm unsere Pläne. Blackbeard ging auf den Deal ein, den wir mit ihm aushandeln konnten und so begaben wir uns auf den Weg zur Insel der Toten. Als wir an den Koordinaten ankamen, fanden wir eine schwebende Insel vor, die, wie ihr Name schon deutlich machen sollte, die Form eines Totenkopfes besaß. Sie war eine dieser selten tropischen Inseln, auf denen die Flora und Fauna nach ihren eigenen Regeln existierte und da waren riesige Palmen und faustgroße Käfer noch die kleinsten Probleme. Schon als wir anlegten, war mir nicht wohl zumute. Diese Insel strahlte etwas wirklich böses aus, doch was das genau war, sollten wir erst später erfahren.“


Der Alte macht eine Pause und gönnt sich einen Schluck Wasser, bevor er mit der Erzählung fortfährt:


„Wir schlugen unser Lager in unmittelbarer Nähe des Strandes auf und berieten unser weiteres Vorgehen. Dein Vater präsentierte uns eine alte Karte, die er Tage zuvor von einer alten Voodoo-Priesterin bekommen hatte und auf dieser war der angebliche Standort des Schatzes eingezeichnet. Wie bei solchen Geschichten üblich, sollte sie sich tief in einer Höhle befinden. Das war der Moment, wo ich das erste Mal fluchen musste. Du musst nämlich wissen, dass ich Höhlen hasse. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie geht nämlich bei denen Irgendwas immer schief. Aber das jetzt nur mal so am Rande. Wir haben uns dennoch durch diesen verdammten Dschungel geschlagen und dabei einige unserer besten Männer verloren, denn auch die Tierwelt dieser verfluchten Insel war uns nicht sonderlich freundlich gesinnt. Auf jeden Fall erreichten wir nach zwei anstrengenden Tagen diese verfluchte Höhle, die sich schon auf dem ersten Blick als nicht natürlichen Ursprungs präsentierte. Oh nein, mein Kind, diese Höhle war keine Laune der Natur, sondern musste das Werk von Menschen gewesen sein, doch dein Vater ignorierte diese Tatsache. In dieser Hinsicht war er sehr einfach gestrickt, denn er interessierte sich einzig und allein für den Schatz im Inneren. Ohne zu zögern ging er hinein und wir folgten ihm. Anfangs empfing uns nur Dunkelheit, doch als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und die ersten Fackeln entzündet waren, erkannten wir die Malereien an den Wänden, die vom Totenkult auf diesem Eiland zeugten. Da fiel es mir wie Schuppen und von den Augen und ich sprach deinen Vater darauf an, dass er uns etwas verheimlichte. Zuerst wollte er alles abstreiten, doch letztendlich knickte er ein und verriet mir, dass er nur dort war, weil ihm die alte Voodoo-Priesterin etwas versprochen hatte.“


Ensis sieht die Tränen in den Augenwinkeln des alten Seebären und dass er mit den Gefühlen seiner Vergangenheit zu kämpfen hat, doch ehe sie etwas sagen kann, fährt Edward mit der Geschichte fort.


„Dein Vater erzählte mir, dass ihm die alte Hexe versprochen hatte, deine Mutter wieder ins Leben zurück zu holen. Ich sagte ihm natürlich, dass das ausgemachter Blödsinn sei, aber dein Vater war ein äußerst sturer Mann gewesen. Und so ganz nebenbei bemerkt kenne ich da jemanden, der ihm in dieser Hinsicht bis aufs Letzte gleicht.“


Schmunzelnd zwinkert der alte Seemann ihr zu.


„Wie dem auch sei. Wir drangen tiefer in die künstliche Höhle ein und stießen schon bald auf lebende Tote, die den Schatz bewachten.“ „Moment“ unterbricht Ensis den Redeschwall ihres Adoptivvaters. „Du willst mir erzählen, dass die Toten wirklich gelebt haben?“ „Ja.“ antwortet der Alte mit einem Nicken und fährt mit seiner Erzählung fort: „Ich selbst war auch überrascht von diesem Anblick und dachte mir, dass wohl mehr an der Geschichte deines Vaters dran sein müsste, als mir lieb war, doch blieb uns nicht viel Zeit zum Überlegen, denn die Toten waren nicht sonderlich begeistert davon, dass wir ihre Ruhe störten und auch noch den Schatz an uns reißen wollten. Was folgte war ein erbitterter Kampf, den nur Blackbeard, dein Vater, ich und schwer verletzt auch drei unserer Männer überlebten. Mehr tot als lebendig erreichten wir mit der Schatzkiste das Schiff, wo der Rest der Crew auf uns gewartet hatte. Wir feierten unseren Erfolg und betrachteten dann den Schatz, der in einer seltsam bemalten Kiste ruhte. Es war ein goldener Dolch mit zwei Totenköpfen an der Parierstange und einem Schädel anstelle des Knaufes, deren Augen aus grünen Edelsteinen bestanden. Wir spürten, dass dieser Dolch verflucht war und so wagte keiner von uns ihn auch nur zu berühren.“


Noch einmal holt der Alte tief Luft und trinkt einen Schluck Wasser, bevor er die Geschichte zu Ende erzählt.


„Nach dem wir ausgelassen gefeiert hatten, wollten wir den Schwarzbärtigen für seine Hilfe auszahlen, doch dieser wollte plötzlich nichts mehr von unserer Vereinbarung wissen. Stattdessen bestand er darauf den Dolch zu behalten. Ich weiß auch nicht so genau, woher dieser Sinneswandel kam. Vielleicht hatte er die Unterhaltung zwischen mir und deinem Vater belauscht gehabt. Naja, aber auf jeden Fall kam es zum Kampf zwischen unserer Crew und der seinen, aus dem wir als Sieger hervor gingen. Einzig Blackbeard ließen wir am Leben und allein auf der Insel zurück, wo er eigentlich hätte sterben sollen. Wir hingegen fuhren wieder in die Heimat zurück und ja, den Rest kennst du ja mittlerweile. Was mit dem Dolch geschehen ist oder wo dein Vater ihn versteckt hat, kann ich dir aber leider auch nicht verraten.“


Ensis schaut ihrem Stiefvater tief in die Augen. Man erkennt, dass ihn das Erzählen der Geschichte einiges an Kraft gekostet hat und die schlaflosen Nächte tun ihr übriges dazu. „Lass einen der Männer das Ruder übernehmen und leg dich schlafen, Paps.“ sagt sie deshalb liebevoll zu ihrem Stiefvater. „Ja, ein Hand voll Schlaf sollte auch mir gut tun.“ antwortet der alte Seebär und ruft Carl zu sich, damit dieser das Ruder übernehmen kann. Bevor er sich zum Gehen umwendet, stellt sie ihm die Frage, die ihr schon seit dem Tag im Betrunkenen Piraten durch den Kopf geht: „Paps, das mit dem Kapitän war doch ein Scherz, oder?“ Der Alte lacht kurz auf. „Natürlich. Noch bist du zu jung und zu unerfahren, aber die Zeit wird kommen, da wirst du das Ruder übernehmen müssen.“ Mit diesen Worten verlässt er sie und begibt sich zum Schlafen unter Deck. Ensis aber lässt sich auf einem Bündel Taue nieder und grübelt über die Geschichte, die Edward ihr erzählt hat.


„Ich muss diese Voodoo-Priesterin finden.“ spricht die Piratentochter irgendwann leise ihre Gedanken aus. „Vielleicht weiß sie mehr und kann uns irgendwie weiter helfen.“ Und auch Sollers, der die ganze Zeit der Geschichte nur still gelauscht und selbst darüber nachgedacht hatte, fügt hinzu: „So wie es aussieht, ist wohl die Voodoo-Priesterin unser nächstes Ziel.“ Ensis lacht laut auf. „Na guck mal einer an. Da hatten wohl zwei Dumme den selben Gedanken.“ Nun mischt sich auch Carl ein, der die Beiden die ganze Zeit nur aus den Augenwinkeln heraus verfolgt hat. „Sag mal, Enni, verstehst du etwa, was dieses Hühnchen von sich gibt?“ „Hühnchen? Hat der Kerl mich gerade wirklich Hühnchen genannt?“ krächzt Sollers empört. „Na warte, jetzt reicht es aber!“, fliegt auf den völlig verdutzten Ersatzsteuermann zu und pickt ihm auf der schimmernden Glatze herum. Sofort bricht die Piratin in schallendes Gelächter aus, während Carl verzweifelt versucht sich die aufgebrachte weiße Krähe vom Leib zu halten. „Tue was Enni und hol ihn von mir weg!“


Bevor sie ihm jedoch helfen kann, wird sie von einem gleißend hellem Licht geblendet, dass vom Deck zu kommen scheint und als sie nach wenigen Sekunden wieder etwas sehen kann, vergeht ihr endgültig das Lachen. Eine hölzerne Pforte hat sich neben dem Mast manifestiert und schwebt nun über dem Schiffsdeck. Sollers lässt mit einem überraschtem Krächzen von dem gutmütigem Riesen ab und auch Carl stimmt mit einem „Was in Gottes Namen...?“ in das Duett der Beiden ein. Die Tür öffnet sich und erneut wird das Schiff von einem blendendem Licht geflutet. Zwei Gestalten, ein schwarz gekleideter Mann und eine rothaarige Frau, stehen nun an Deck, die von zwei schwarzen Vögeln begleitet werden. Plötzlich muss Ensis an die Warnung der Hellseherin denken und lässt umgehend ihre fliegenden Schwerter auf die beiden Fremden los.

 Fotograf Mizzd-Stock.Deviantart
Model

Ida Mary Walker

Bild & Text

Denis 'Raven' Fischer

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Lektorat Dark Xperience

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